Veröffentlicht: 01.04.2025. Rubrik: Unsortiert
Szenen aus Dölendorf 2
Anjas Eltern, Oma Gabi und Opa Udo, sind gekommen. Heute soll es in die Pilze gehen. In den letzten Tagen hat es viel und warm geregnet, und heute scheint die Sonne. Das Ideale Wetter zum Pilze Sammeln, noch dazu, wo Opa Udo ein erfahrener Pilzkenner ist.
Der Pflaumenkuchen, den Oma Gabi mitgebracht und Anja aufgebacken hat, sowie ein Berg Kekse sind verzehrt; wenige Minuten später stehen die Kinder und Anja in wetterfester Kleidung, mit Taschenmessern und Körben bewaffnet, startbereit, nur Opa fehlt noch. Oma Gabi, die es mit dem Rücken hat und nicht mehr so lange Strecken laufen kann, ist auf ein Schwätzchen zu Oma Martha gegangen.
Opa erscheint in Kniebundhosen und karierter Schottenmütze. „Seht mal!“, kräht Sven, „Opa hat Schinkenbeutel an!“, und will sich schier kaputtlachen.
Schinkenbeutel?, denkt Anja verblüfft, wo hat er denn diesen Ausdruck schon wieder aufgeschnappt?
Ja, sein Wortschatz ist für seine kaum sieben Jahre schon erstaunlich. Bei seiner Einschulung nannte er eine Gitarre einen Wimmerschinken. Natürlich hatte er die Lacher auf seiner Seite. Gut, den Wimmerschinken hat er von Papa. Aber die Schinkenbeutel? Wo doch dergleichen hier nicht üblich ist?
Eine Weile geht es an der Dorfstraße entlang, dann rechts ab, einen Sandweg hoch, und schon ist der Wald erreicht, ein Kiefernbestand mit viel Windbruch.
„Es soll dieses Jahr massenhaft Steinpilze geben“, sagt Anja.
„Au ja! Steinpilze, Schweinfilze –“
„Schweißfüße“, ergänzt Elona, als Sven mit der Blödelei nicht weiter kommt.
„Ha! Ich hab einen Pilz Pilz gefunden!“, ruft Stephanie von weiter weg, „Opa, kann man den essen?“
„Das kann ich von hier aus nicht erkennen!“, ruft Opa zurück, „da musst du ihn schon herbringen!“
Plötzlich bückt er sich und ruft: „Was ist denn das? Ein Steinpilz! Kinder, ich habe einen Steinpilz gefunden!“
Die Kinder und Anja kommen atemlos angerannt. Opa hebt den vermeintlichen Pilz auf und zeigt ihn her: Es ist ein Stein in Pilzform.
„Ach Opa“, sagt Sven enttäuscht, „du machst wieder Witze!“
Ja, der Opa Udo, das ist schon einer! Der macht nicht nur Witze, der kann sogar zaubern. Zum Beispiel, wenn er sich eine Nudel in den Mund schiebt und sie am Nacken wieder herauszieht. Oder wenn er ein Glas durch die Tischplatte schlägt.
Nach einer Stunde sind genug Pilze für eine Mahlzeit zusammengekommen, und der kleine Trupp tritt den Rückweg an. Doch wo ist Sven?
„Sven!“, ruft Anja, „wir gehen zurück!“
Doch kein Sven zeigt sich.
„Sven, hast du nicht gehört? Komm jetzt!“
Und weil Sven nicht kommt, rufen auch Leona und Stephanie. „Sve-hen, wo bist du?“
Sogar Opa ruft mit gebieterischer Stimme: „Sven, jetzt ist Schuss mit lustig! Wir wollen nach Hause!“
Von Sven keine Spur.
„Wo bleibt er nur, der Schlingel?“, murmelt Anja. Doch die lockeren Worte täuschen nicht darüber hinweg, dass sie Angst hat. Es ist keine begründete Angst, denn Sven kennt den Wald und den Weg zurück. Es ist die Urangst der Mutter, ein Kind zu verlieren. Und diese Angst ist nun ganz und gar nicht unbegründet. Als Sven zwei Jahre alt war, fuhr er eines Tages in seinem Wägelchen auf dem Hof herum, die Hoftür stand offen. Auf der Straße hielt ein Auto, ein Mann stieg aus und ging auf Sven zu. Anja sah es vom Küchenfenster aus und lief sofort auf den Hof. Der Mann machte kehrt, stieg ins Auto und fuhr davon.
Sie fährt herum. Hat es da nicht eben geknackt, als wäre jemand auf einen Ast getreten? Hinter der dicken Kiefer da?
„Sven!“, ruft sie, „komm jetzt sofort her!“ Sie geht auf den Baum zu.
Sven erscheint mit lachendem Gesicht. „Da hab ich euch wohl nen schönen Schrecken eingejagt, haha!“
Er sieht das Gesicht seiner Mutter, und sein Lachen erstirbt.
Schuldbewusst bleibt er stehen.
„Das machst du nicht nochmal!“, sagt Anja streng. Dann beugt sie sich über ihn, nimmt ihn in die Arme und säuselt: „Ach du alter Allerweltsklöterwatin.“
Sie gibt ihn wieder frei und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.
Anjas Eltern, Oma Gabi und Opa Udo, sind gekommen. Heute soll es in die Pilze gehen. In den letzten Tagen hat es viel und warm geregnet, und heute scheint die Sonne. Das Ideale Wetter zum Pilze Sammeln, noch dazu, wo Opa Udo ein erfahrener Pilzkenner ist.
Der Pflaumenkuchen, den Oma Gabi mitgebracht und Anja aufgebacken hat, sowie ein Berg Kekse sind verzehrt; wenige Minuten später stehen die Kinder und Anja in wetterfester Kleidung, mit Taschenmessern und Körben bewaffnet, startbereit, nur Opa fehlt noch. Oma Gabi, die es mit dem Rücken hat und nicht mehr so lange Strecken laufen kann, ist auf ein Schwätzchen zu Oma Martha gegangen.
Opa erscheint in Kniebundhosen und karierter Schottenmütze. „Seht mal!“, kräht Sven, „Opa hat Schinkenbeutel an!“, und will sich schier kaputtlachen.
Schinkenbeutel?, denkt Anja verblüfft, wo hat er denn diesen Ausdruck schon wieder aufgeschnappt?
Ja, sein Wortschatz ist für seine kaum sieben Jahre schon erstaunlich. Bei seiner Einschulung nannte er eine Gitarre einen Wimmerschinken. Natürlich hatte er die Lacher auf seiner Seite. Gut, den Wimmerschinken hat er von Papa. Aber die Schinkenbeutel? Wo doch dergleichen hier nicht üblich ist?
Eine Weile geht es an der Dorfstraße entlang, dann rechts ab, einen Sandweg hoch, und schon ist der Wald erreicht, ein Kiefernbestand mit viel Windbruch.
„Es soll dieses Jahr massenhaft Steinpilze geben“, sagt Anja.
„Au ja! Steinpilze, Schweinfilze –“
„Schweißfüße“, ergänzt Elona, als Sven mit der Blödelei nicht weiter kommt.
„Ha! Ich hab einen Pilz Pilz gefunden!“, ruft Stephanie von weiter weg, „Opa, kann man den essen?“
„Das kann ich von hier aus nicht erkennen!“, ruft Opa zurück, „da musst du ihn schon herbringen!“
Plötzlich bückt er sich und ruft: „Was ist denn das? Ein Steinpilz! Kinder, ich habe einen Steinpilz gefunden!“
Die Kinder und Anja kommen atemlos angerannt. Opa hebt den vermeintlichen Pilz auf und zeigt ihn her: Es ist ein Stein in Pilzform.
„Ach Opa“, sagt Sven enttäuscht, „du machst wieder Witze!“
Ja, der Opa Udo, das ist schon einer! Der macht nicht nur Witze, der kann sogar zaubern. Zum Beispiel, wenn er sich eine Nudel in den Mund schiebt und sie am Nacken wieder herauszieht. Oder wenn er ein Glas durch die Tischplatte schlägt.
Nach einer Stunde sind genug Pilze für eine Mahlzeit zusammengekommen, und der kleine Trupp tritt den Rückweg an. Doch wo ist Sven?
„Sven!“, ruft Anja, „wir gehen zurück!“
Doch kein Sven zeigt sich.
„Sven, hast du nicht gehört? Komm jetzt!“
Und weil Sven nicht kommt, rufen auch Leona und Stephanie. „Sve-hen, wo bist du?“
Sogar Opa ruft mit gebieterischer Stimme: „Sven, jetzt ist Schuss mit lustig! Wir wollen nach Hause!“
Von Sven keine Spur.
„Wo bleibt er nur, der Schlingel?“, murmelt Anja. Doch die lockeren Worte täuschen nicht darüber hinweg, dass sie Angst hat. Es ist keine begründete Angst, denn Sven kennt den Wald und den Weg zurück. Es ist die Urangst der Mutter, ein Kind zu verlieren. Und diese Angst ist nun ganz und gar nicht unbegründet. Als Sven zwei Jahre alt war, fuhr er eines Tages in seinem Wägelchen auf dem Hof herum, die Hoftür stand offen. Auf der Straße hielt ein Auto, ein Mann stieg aus und ging auf Sven zu. Anja sah es vom Küchenfenster aus und lief sofort auf den Hof. Der Mann machte kehrt, stieg ins Auto und fuhr davon.
Sie fährt herum. Hat es da nicht eben geknackt, als wäre jemand auf einen Ast getreten? Hinter der dicken Kiefer da?
„Sven!“, ruft sie, „komm jetzt sofort her!“ Sie geht auf den Baum zu.
Sven erscheint mit lachendem Gesicht. „Da hab ich euch wohl nen schönen Schrecken eingejagt, haha!“
Er sieht das Gesicht seiner Mutter, und sein Lachen erstirbt.
Schuldbewusst bleibt er stehen.
„Das machst du nicht nochmal!“, sagt Anja streng. Dann beugt sie sich über ihn, nimmt ihn in die Arme und säuselt: „Ach du alter Allerweltsklöterwatin.“
Sie gibt ihn wieder frei und wischt sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.

