Veröffentlicht: 02.04.2025. Rubrik: Satirisches
Der Wunsch
Wie immer fuhr ich mit dem Auto mehr als fünf KM zur Arbeit. In der Frühschicht aß ich in der Kantine meinen Leberkäse – semmellos. Da wird wohl der Hund darin begraben gewesen sein. Mit der Zeit bekam ich ein kleines Bäuchlein. Manche Kollegen unterstellten mir sogar, ich sei schwanger. Zu der Zeit war ich herrenlos. Um die 24, weiß ich nicht mehr genau. Konnte ich es noch gut abwehren? Aber in den Köpfen der Leute ist ja alles möglich. Wie hinten auf dem Rücksitz im Auto – na, das überlassen wir mal lieber der Fantasie.
Ebenfalls stellte ich fest, dass ich einen kleinen Ranzen bekommen hatte. Das gefiel mir überhaupt nicht. Deshalb wollte ich jetzt abnehmen.
Vor dem Einschlafen im Bett sagte ich mir innerlich: Ich, Lydia, habe abgenommen. Auch schrieb ich mir kleine Zettelchen, und jeden Tag schrieb ich in ein kleines Heftchen den gleichen Satz: Ich, Lydia, habe abgenommen. Das machte ich bestimmt so 2–3 Monate. Dann hatte ich keine Lust, keinen Bock mehr.
In dieser Woche hatte ich Spätschicht, um 12 Uhr Dienstanfang. Wie immer fuhr ich mit dem Auto. Ungefähr 200–300 Meter von meiner Wohnung entfernt blieb mein Auto einfach stehen. Auf der rechten Bürgersteigseite kamen zwei junge Männer und eine kleine, etwas ältere Frau rüber, um mich anzuschieben. Es ging einen kleinen Hügel runter. Ich ließ das Auto runterrollen. Auf der linken Seite gab es eine Autowerkstatt, die man nicht unbedingt freiwillig betreten möchte. Sie sah etwas abgefragt und schmuddelig aus. Aber Notfall.
Ich rollte direkt auf den Hof der Autowerkstatt. Der Chef und der Automechaniker sahen mich unbeteiligt an. Ich war in Eile. Laut erklärte ich, dass mein Auto kaputt ist. Der Chef nickte nur. Ich redete laut vor mich hin, wie ich jetzt zur Arbeit kommen sollte. In Gedanken ging ich die Möglichkeiten durch: Bahnhof – Bus fahren.
Daraufhin bot mir der Automechaniker sein Fahrrad an. Mehr wackelig als tackelig, klapperte es beim Fahren. An einigen Stellen war es auch verrostet.
Wir machten aus, dass ich das Fahrrad nach der Arbeit hier wieder abstellte.
Am nächsten Tag holte ich mein Fahrrad aus dem Keller – noch recht neu, wenig benutzt. Eine Woche lang, gut, dass ich Spätschicht hatte, warf ich gelegentlich Blicke rüber zur Werkstatt, konnte aber niemanden erkennen. Also rief ich per Telefon an. Ich sagte meinen Namen, aber keine Reaktion. Dann erinnerte ich:
„Ich bin die Frau mit dem violettfarbenen Nissan.“
„Ah, genau, der Chef ist nicht da.“
Daraufhin tauchte ich am nächsten Tag selbst in der Werkstatt auf. Im Büro saß der Chef, hinter dem Schreibtisch, den Blick auf ein Stück Papier fixiert. Ich fragte nach meinem Auto, aber es kam keine wirkliche Reaktion. Dann klingelte auch noch das Telefon. Er hob blitzschnell ab, schrie und brüllte los – also redete extra laut.
Ich ging unverrichteter Dinge wieder.
Diese Woche wird auch irgendwie vorbeigehen – außerdem hatte ich nächste Woche eh Urlaub.
Gleich am Montag fuhr ich dann zu meinem Lieblingsitaliener, Cappuccino trinken. Am Mittwoch oder Donnerstag, so ungefähr, war ich in der Nähe des Hügels. Ich flitzte mit voller Kraft mit meinem Fahrrad – unerwartet sprang die Kette heraus, und vorne die Bremsbacken drückten sich heraus. Wie jetzt das? Na gut, Fahrrad zurückgeschoben, musste ich zu Fuß in die Stadt.
Am Samstag marschierte ich zur Werkstatt vor. Endlich war das Auto fertig.
Wie viel? Mich haute es fast vom Hocker.
„Das muss ich abstottern. Am besten auf dreimal.“
Der Automechaniker nickte.
Aber ich muss eine Anzahlung machen, damit ich das Auto bekomme.
Also bis zur Bank. Geld abgeholt. Hin und zurück – das waren dann bestimmt so drei Kilometer. Endlich hatte ich mein Auto wieder!
Endlich meinen Popo wieder im Auto.
Also, ich muss sagen: Ich kann mich nicht wirklich erinnern, dass ich so viel abgenommen habe, dass es mir aufgefallen wäre. Ich kann nur so viel dazu sagen: Mit den Wünschen – das ist so eine Sache für sich.

