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geschrieben 2025 von Belix Bahei (Belix).
Veröffentlicht: 03.04.2025. Rubrik: Menschliches


Das Klassentreffen

Das Klassentreffen

Paul fuhr dem anderen Auto hinterher. Unfreiwillig. Sie waren zufällig
zur gleichen Zeit vom Parkplatz der Firma gestartet und in der gleichen
Richtung unterwegs. Er kannte das Auto vor sich. Das war Bremer.
Bremer war ein echter Leuteschinder und einer seiner Chefs in der
Firma. Paul wollte zu einem Klassentreffen, und die Gedanken über den
vor ihm fahrenden Bremer begannen ihm die gute Laune zu verderben.

„Ein Klassentreffen mitten im Januar. Eigentlich eine saublöde Idee.
Alle stehen in einer total verrauchten Bude herum, und geht man vor
die Tür, friert man sich die Füße ab.“ Paul dachte diese Sätze nicht
nur, nein, er sprach sie wirklich hörbar aus. Denn er hielt es für
geboten, sein Auto, wenn er alleine darin saß, von wichtigen Gedanken
zu unterrichten. Andere führten Selbstgespräche. Für Paul war das
nichts, ganz und gar nicht. Selbstgespräche zu führen, das wäre für
ihn der Beginn der geistigen Zerrüttung gewesen. Aber mit Dingen
zu sprechen, das sah er allerdings in einem ganz anderen Licht.
Dadurch wertete er die Gegenstände auf. So gab er einigen Haus-
haltsgeräten einen Namen, schätzte und respektierte so ihre
Eigenschaften mehr, als die von namenlosen Dingen. Den roten
Kühlschrank, in der Küche, nannte er „Lola“, seinen Kaffeevoll-
automat, der einen herrlichen Duft von frisch gebrühtem Kaffee
in seiner kleinen Wohnung verbreitete, trug den Namen „Trude“.
Der kleine Backofen, den er zusätzlich zu seinem Herd besaß, hieß
„Le Petit“, weil er gut für kleine Gerichte einsetzbar war. Selbst
dem Fahrstuhl, in dem Gebäude, in dem er wohnte, gab er einen
Namen. Wenn Paul mit ihm fuhr, sagte er so etwas wie: „Horst,
einmal Erdgeschoss, bitte“.
Und sein Auto, ein alter Skoda, nannte er ganz norddeutsch
„Renaade“. Der etwas schnodderige Ausdruck für den Namen
„Renate“. Seine Art, mit dem Auto oder mit dem Fahrstuhl zu
sprechen, hätten andere wohl als sehr merkwürdig empfunden.
Also sprach er auf keinen Fall mit ihnen, wenn andere Menschen
anwesend waren.

„Mensch, Renaade, Klassentreffen. Aber eigentlich freue ich mich
nur darauf Christiane wiederzusehen. Ist doch cool, oder?“ Kaum
dachte Paul an Christiane, schon musste er reflexartig lächeln.
Gut, da waren auch Kurt und Rolf und vielleicht noch Petra. Doch
die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Christiane ließ ihn zu dem
heutigen Klassentreffen zusagen, direkt nach der Arbeit. Und das
an einem Donnerstag.

Damals, vor gut vierzig Jahren, da war Christiane die Klassenbeste,
und sie sah super gut aus. Schlank, langes blondes Haar und eine
bewundernswerte Oberweite. Jedoch die anderen Jungs mochten
sie nicht. Sie rauchte nicht, hörte ausnahmslos klassische Musik und
gackerte dauernd mit ihrem Mädelsverein herum. Sie war eine echte
Streberin. Und natürlich saß sie in der ersten Reihe, dort wo die
Streber eben sitzen.
„Ja, gerne Frau König. Wenn Sie meinen, Frau König.“ So hörten sich
jedes Mal die Sätze von Christiane an.
„Widerliche Person, diese Frau König“, klärte Paul kurz Renaade auf.
„Lehrerin in - ach - ich weiß nicht mehr in welchem Fach. Sie stank
so entsetzlich nach Schweiß. Wie kann man da bloß gerne in der
ersten Reihe sitzen wollen?“ Paul spürte wahrhaftig ihren unange-
nehmen Schweißgeruch in der Nase. Er stieß kurz und kräftig die
Luft durch die Nase aus, um diesen Fremdkörper, diese ekelhafte
Geruchserinnerung, wieder loszuwerden. Lieber erinnerte er sich
an Christiane, an ihr Lachen, obwohl er es leider nur sehr selten
sehen konnte. Sie befanden sich eben nicht nur räumlich auf ganz
unterschiedlichen Positionen in der Klasse. Sie vorn, immer und in
allem und er, Paul, immer hinten.

Doch beim letzten Klassentreffen, vor zehn Jahren, hatte Paul
eine ganz andere Christiane kennengelernt. Sie war humorvoll und
strahlte mit ihrer guten Laune alles platt. Man konnte sich mit ihr
glänzend unterhalten. Und das Schönste war, dass sie nicht mit-
machte, bei all diesen Mein-Haus-mein-Boot-und-mein-Hund-Ver­-
gleichen. Christiane war ein­fach super angenehm. Paul fühlte ein
inneres wohliges Gefühl, als er sich an die­sen Abend erinnerte.

Das Auto vor ihm, Bremers Auto, blinkte nach links und bog ab. Paul
grinste. Bei dem Gedanken an Christiane bog Bremer ab. „Na, wenn
das mal kein gutes Zeichen ist, Renaade.“ Er bog am Bahnhof rechts
ab und fuhr die Stormarnstraße herunter.
„So, ein paar Minuten noch, dann sind wir da. Dann hast du wieder
ein bisschen Pause.“ Kurz dachte Paul darüber nach, wie es wohl
wäre, wenn ihm seine Renaade irgendwann mal eine Antwort geben
würde. Was sie wohl sagen würde? „Ja, geh mal ruhig. Ich warte
hier so lange auf dich.“

Wieder schob sich die Erinnerung an Christiane, an damals, in seine
Gedanken. Paul war furchtbar in sie verliebt gewesen und hatte, wie
es fast alle verliebten Typen damals taten, seine Lieblingsmusik auf
eine Kassette aufgenommen und die Christiane geschenkt. Allerdings
war der Aufwand völlig vergebens, seine Liebe wurde nicht erwidert.
Christiane war Klassenbeste und Spitze in allen Sportarten. Paul hin-
gegen gehörte zu den schlechtesten in der Klasse. Bis auf Religion
hatte er überall eine Vier im Zeugnis stehen. Eigentlich wären das
wohl auch eher Fünfen gewesen, aber in der Hauptschule wollte man
die nachfolgenden Klassen nicht mit zu vielen Sitzenbleibern zumüllen.

Beim Sport, beim Volleyball, wurde er ständig als vorletzter in eine
Mannschaft gewählt: „Ja, dann nehmen wir noch den Paul, wenn es
unbedingt sein muss“, hieß es. Jetzt war nur der dicke Thomas übrig
geblieben. Und auch sonst war Paul kein cooler Kerl. Pickel im Gesicht,
langweilige Klamotten, und im Winter musste er die von seiner Mutter
eigenhändig gestrickten braunen Wollpullover tragen.
Paul konnte nicht mithalten, mit diesen anderen Typen, mit Rolf, Bernd,
Klaus-Dieter, Uwe und wie sie alle hießen. Die trugen Parka, und zwar
die echten aus amerikanischen Armeebeständen. Natürlich hatte Paul
auch einen Parka, aber nur so ein nachgemachtes Billigteil, in blau, das
ihm seine Mutter in dem kleinstädtischen Kaufhaus gekauft hatte.
Jedoch hatte Paul einen ausgefallenen Musikgeschmack. Er kannte die
Gruppe „Slade“ schon lange bevor sie berühmt wurde. Er war auch
der einzige in der Klasse, der Mad-Comix und Robert Crumb kannte.
Doch das machte so ein Pickelgesicht nicht interessanter, sondern
eher noch seltsamer.

Paul musste lächeln, musste daran denken, wie sein Leben heute aussah.
Sein alter Deutschlehrer würde sich wundern, wie fehlerfrei er heute
Texte formulieren konnte. Er hatte eine Lehre abgeschlossen, mit
Auszeichnung bestanden, folgend seinen Techniker gemacht und war
heute Abteilungsleiter eines größeren Elektronikunternehmens. Früher
hatte er sich immer versteckt, saß auf der letzten Bank im Klassenraum,
heute stand er an der vordersten Front und wurde von allen Mitarbeitern
und Vorgesetzten gleichermaßen geschätzt und respektiert. Andere
hätten jetzt sicher versucht heute Abend anzugeben, was aus ihnen
geworden war. Paul war dies egal. Er freute sich allein auf Christiane,
auf diese neue Christiane.

Allerdings war Paul bedrückt. Es war wie verrückt. In ihrer Gegenwart,
in Christianes Gegenwart, wie beim letzten Klassentreffen, würde er
sich wieder fühlen wie früher, wie ein Pickelgesicht, das die Klassen-
beste anhimmelt. Die ganze damalige Klassenvergangenheit ließ sich
einfach nicht ignorieren. Ihm fehlte beim letzten Klassentreffen der
Mut sie nach einem Treffen, nach einem Date zu fragen.

„Das muss heute anders laufen“, sagte Paul zu Renaade und drückte
impulsiv aufs Gaspedal. Sofort wurde ihm bewusst, dass er sich in
einer Tempo-30-Zone befand. Er bremste wieder ab und musste
schon nach rechts in die Seitenstraße, in den Asternweg, einbiegen.
Er fand gleich einen Parkplatz vor dem Grundstück von Birgit, einer
damaligen Mitschülerin. Hier war er nun schon zum vierten Mal, alle
zehn Jahre wieder. Paul stieg aus, öffnete die Gartenpforte und ging
den Plattenweg zu den am Haus angebauten Partyräumen entlang.
Seine glatten Schuhe rutschten auf dem leichten Schneegriesel aus.
„Ver­dammt, hier hätte wirklich mal jemand streuen können.“ Er
öffnete die Stahltür des Anbaus und ging durch den Flur in den
Partyraum. Gleich links war der Tresen. Davor saßen Detlef und
Petra, und hinter dem Tresen standen Birgit und ihr Bruder.
Birgits Bruder, dessen Namen er sich nicht merken konnte, machte
hier den Ausschank, so wie jedes Mal. Christiane war noch nicht da.
Paul sagte kurz „Hallo“, ging zurück in den Flur und hängte seine
Jacke auf. Er kam nicht dazu, mit irgendjemandem ein längeres
Gespräch zu führen. Ständig erschienen neue alte Gesichter, die
mit großem „Hallo“ empfangen wurden.

„Na, alter Sack, wie geht’s?“, begrüßte ihn Kurt. Kurt war ein echt
cooler Typ. Ein Nachbarskind von früher. Handballer, zumindest
damals. Die Häuser ihrer Eltern lagen sich in der Straße gegenüber.
Fast täglich gingen Kurt und er zusammen zur Schule. Mehr wusste
Paul heute nicht mehr über Kurt. Langsam füllte sich der Raum.
Allerdings war von Christiane immer noch nichts zu sehen.

„So, jetzt sind wir wohl alle da“, verschaffte sich Petra mit lauter
Stimme Gehör, „wir können mit dem Essen beginnen. Das Büfett ist
eröffnet.“ Paul kannte dieses Essen, ständig das Gleiche, verkochter
Broccoli, fettige Bratkartoffeln und matschiger Fisch. Und was sonst
so üblich ist: Kartoffelsalat, Nudelsalat, Brot und Schokoladencreme.
Paul kochte selbst ein bisschen gern, allerdings waren das ganz ein-
fache Gerichte. Verkochter Broccoli und angebrannte Bratkartoffeln
waren ihm allerdings zuwider. Seine Bratkartoffeln wurden in einer
Pfanne frittiert und waren immer knusprig und lecker.

„Eigentlich eine Zumutung“, sagte Paul zu sich, „aber dann nichts zu
nehmen, das kann ich ja nun auch nicht machen.“ Paul dachte an diese
unfaire Situation: schlechtes Essen und trotzdem keine Christiane.
Er nahm sich einen leeren Teller und Besteck von dem Stapel und
stellte sich zu den anderen, die vor ihm am Büfetttisch standen.
Hoffnungsvoll drehte er sich mehrmals um, jedoch war Christiane
immer noch nicht da. Die Schlange vor ihm wurde langsam kleiner.
Gefüllte Teller wanderten zu den Vierertischen und wurden abgesetzt.
Nun stand er vor der Pfanne mit den fettigen Bratkartoffeln.

„Guten Abend, Paul.“, sagte leise eine Stimme hinter ihm. Überrascht
drehte sich Paul um und sah in Christianes strahlend blaue Augen.
„Mann, Christiane, ich habe dich vermisst und …“, er erschrak, er
brach den Satz ab. Nun war es raus. So wollte er es nicht sagen.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Paul.“ Und lächelnd fügte sie
hinzu: „Nimmst du dieses Jahr wieder die fettigen Bratkartoffeln
und dazu den matschigen Fisch?“ Er liebte ihren frechen Humor, ihre
spöttische Art. Diesmal würde er sich trauen zu fragen, diesmal ja,
sie fragen nach ihrer Handynummer, nach einem Essen beim Italiener
und vielleicht nach einer gemeinsamen Zukunft.


Belix Bahei
belixbahei@hotmail.com

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Bad Letters am 03.04.2025:

Ich war noch nie auf einem Klassentreffen Belix, und werde auch nie auf eines gehen, nix für mich, deine Geschichte schon!

MfG
Bad Letters

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