Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2025 von VictoryViktoria (VictoryViktoria).
Veröffentlicht: 31.03.2025. Rubrik: Lustiges


Die heilige Ordnung

Verzweifelt reißt sich Papst Linus das Scheitelkäppchen vom Kopf und sinkt zu Boden, auf dem letzten freien Stück Boden wohlgemerkt.

SatirepatzerSatirepatzerNiemals darf irgendjemand das hier zu Gesicht bekommen. Ich bin eine solche Schande für meinen Berufsstand und für die gesamte Katholische Kirche. Die Menschen werden mich nicht nur zu Recht verachten. Nein, sie werden sich ekeln und von mir und unseren Ideen in Scharen abwenden. Niemals darf es dazu kommen, dass das jemand sieht.

Linus Gedanken geraten in den altbekannten Strudel aus Panik und Angst, als ihm klar wird, dass sein erster Gedanke unweigerlich dazu führt, dass er das Problem allein lösen muss. Doch wie soll er das schaffen, wenn er ständig Termine wahrnehmen muss und nie richtig Zeit hat?

Vielleicht kann ich das Problem einfach auf morgen verschieben und dann fällt mir auch bestimmt eine Lösung ein. Ja, genauso mache ich es. Heute ruhe ich mich noch einmal aus und morgen krempel ich die Ärmel hoch und lege los.

Irgendwie findet Papst Linus die Kraft dazu, sich aufzuraffen und sich durch all die Dinge, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt haben, einen Weg zur Tür zu bahnen. Der letzte Raum, der noch nicht völlig aus den Nähten platzt, ist sein privates Schlafgemach. Das war ihm immer heilig gewesen. Selbst im Flur sind nur noch schmale Gänge frei, durch die er sich jetzt langsam hindurch windet, bis er endlich die Tür zu seinem Schlafzimmer erreicht. Er drückt die Klinke hinunter und ärgert sich darüber, dass die Türe schon wieder klemmt. Linus stemmt sich dagegen, doch das Holz ist alt und verzogen und verweigert dem Oberhaupt der Katholischen Kirche weiterhin den Zugang zu seinem heiligen Schlaf. Er will etwas Schwung holen und sich dagegen werfen, stößt dabei aber an einen Stapel voller Kartons, die rechts von der Tür gestapelt sind. Linus will die Kartons noch festhalten, doch es ist bereits zu spät. Der Stapel, der ins Fallen geraten ist, löst einen wahren Domino-Effekt aus, welcher noch verstärkt wird, durch den Rundbau des Flures. Am Ende fallen Linus Papiere aus dem Stapel von links vor die Füße, während er mit offenem Mund dasteht und das Chaos betrachtet, welches nun auf der gesamten oberen Etage des Flures herrscht. Nicht, dass es vorher ordentlich gewesen wäre, aber zumindest hatten sie es bisher geschafft, die ganzen Geschenke irgendwie thematisch zusammenzustellen und sie hatten es geschafft, die schmalen Gänge freizuhalten. Er und sein treuer Diener Boris, der Stillschweigen über alles bewahren konnte. Doch diese Gänge sind jetzt Geschichte und Linus verlassen die letzten Kräfte. Seine Beine geben nach und er lehnt sich gegen die Schlafzimmertür, die offenbar ähnlich beeindruckt von der Domino-Show wie er ist und beim leisesten Druck nachgibt. Linus fällt rückwärts in sein Schlafzimmer und schafft es gerade noch irgendwie so in sein Bett zu kriechen. Noch in seinem Gewand schläft er ein und wacht erst auf, als ihm ein intensiver Kaffeegeruch in die Nase steigt.

Boris hält ihm eine Tasse unter die Nase und schiebt ihm dann liebevoll ein Kissen hinter den Rücken.

“Was zum Teufel”

Entschuldigend blickt er Linus an.

“Also, ähm, was zum Henker, ist denn letzte Nacht hier bitte passiert? Ich habe schon gedacht, dir sei etwas zugestoßen. Und dann habe ich fast eine halbe Stunde gebraucht, bis ich überhaupt zum Schlafzimmer durchgedrungen bin. Wir werden Monate brauchen, bis das alles wieder ordentlich ist. Und in der Zeit werden noch viel mehr Geschenke hier auftauchen. Wo sollen die hin? Es ist alles voll. Wir haben keinen Platz mehr. Nirgendwo im ganzen Haus gibt es noch Platz. Ganz ehrlich, Linus. Wir brauchen Hilfe. Und zwar schnell.”

Linus reißt die Augen auf und ein kleiner Schluck seines Kaffees landet auf der Bettdecke. Doch der Papst nimmt das gar nicht wahr, so entsetzt ist er über den Vorschlag seines sonst so vernünftigen Dieners.

“Boris, bist du denn von allen guten Geistern”

Linus murmelt eine kurze Entschuldigung gen Himmel und setzt neu an.

“Boris, das ist ein völlig verrückter Vorschlag. Mal ganz davon abgesehen, dass dann alles herauskommt und wir schuld am endgültigen Untergang der Katholischen Kirche sind, wer sollte uns auch helfen wollen oder können?”

Boris grinst triumphierend und zieht sein Smartphone aus der Hosentasche. Zweimal Tippen hier und dreimal Wischen da und schon sieht Linus auf einmal eine attraktive junge Frau in eng anliegender Kleidung, die fröhlich mit einem Staubwedel gigantische Spinnweben aus einer Ecke fischt.

“Das ist Aura Karina. Und sie putzt umsonst die Wohnungen von Menschen, die Probleme haben und das aus irgendeinem Grund nicht selbst schaffen. Ich habe ihr schon geschrieben und ihr auch einige Fotos geschickt, damit sie die Ausmaße des Problems erkennt, das wir hier haben. Vorhin hat sie mir geantwortet, dass sie uns gerne kennenlernen würde. Wir treffen sie in einer Stunde im Café an der Ecke. Also, ab unter die Dusche mit dir und rein ins Gewand. Ich warte draußen in der Sonne auf dich.”

Bevor Linus protestieren kann, ist Boris verschwunden.

***

Inkognito kann Linus sich relativ frei bewegen und so sitzen wenig später Aura, Boris und ein Mann in quietschgrünen Shorts und Hawaiihemd an einem Tisch, schlürfen Espressi und führen ein Kennenlern-Gespräch der etwas anderen Art.
Aura wirft ihr blondes Haar nach hinten und lacht Boris und Linus an, während sie von sich erzählt.

“Naja, als ich dann deine Nachricht bekam, Boris und mir klar wurde, welche Ausmaße das Projekt haben könnte, hab ich noch zwei gute Freund*innen von mir kontaktiert und gefragt, ob sie Lust hätten, uns zu helfen. Ab morgen könnten Franzi, Paola und ich anfangen, wenn wir uns einig werden.”

Linus will seinen Ohren nicht trauen. Warum in aller Welt sollten Menschen anderen Menschen freiwillig bei so etwas helfen? Und bezahlen können sie auch nicht wirklich, die Kirche muss sparen, oder zumindest soll es so aussehen, als müsse sie das. Als hätte Aura geahnt, was ihm durch den Kopf geht, kommt sie nun auf ihre Bedingungen zu sprechen.

“Boris, du hast ja Zeit gehabt, dir meinen Kanal anzuschauen und verstehst vielleicht, warum wir so etwas machen. Aber in Linus Blick sehe ich viele Fragezeichen, deshalb kann ich gern noch mal erklären, was mich dazu bewegt und was ich davon habe, so etwas anzubieten.”

Hellsehen kann sie also auch noch. Schießt es Linus durch den Kopf. Doch seine Neugier und Hilflosigkeit bezüglich seiner eigenen Situation sind stärker und er beugt sich interessiert vor, um Aura zu signalisieren, dass er ihr genau zuhört. Sie nimmt es lächelnd zur Kenntnis und fährt mit ihren Ausführungen fort.

“Ich mache das, weil es mir Spaß macht und weil ich es mag, anderen Menschen zu helfen. Aber natürlich muss auch ich Geld verdienen. Heutzutage jedoch lassen sich Hobbys über Social Media viel leichter monetarisieren, als das früher der Fall war. Das bedeutet im Grunde, dass ich eure Einverständniserklärungen dafür brauche, während des Putzens Videos und Fotos machen zu dürfen, die ich dann später auf meinen Social-Media-Kanälen verwende.”

Aura sieht Linus panischen Blick und beeilt sich hinzuzufügen:

“Natürlich werden wir das Ganze so gestalten, dass ihr völlig anonym bleibt. Da müsst ihr euch keine Sorgen machen. Wir filmen weder euch noch Bereiche, die ihr nicht zeigen wollt. Und wir reden dabei über die wirklichen Gründe für eine solche Wohnsituation. Die können sehr unterschiedlich sein, aber sie widersprechen immer dem gängigen Klischee. Wir wollen mit unserer Arbeit aufzeigen, dass mentale Gesundheit ein wichtiges Thema ist. Und dass um Hilfe bitten keine Schande ist.”

Luis bemerkt es erst, als seine Hand sich feucht anfühlt. Ist da gerade eine Träne über seine Wange gelaufen und auf seine im Schoß liegende Hand getropft? Verwundert fährt er sich durchs Gesicht. Er kann sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal geweint hat. Aber diese junge Frau mit ihrem großen Herzen hat es geschafft, seine Schleusen zu öffnen. Boris blickt ihn verwundert an, sagt aber nichts. Aura scheint es nicht weiter zu beeindrucken. Lächelnd greift sie in ihre Tasche und zieht einige Papiere heraus.

“Dann kommen wir mal zum Geschäftlichen.”

***

Linus kann zum ersten Mal seit langer Zeit entspannt ins Bett gehen. Gemeinsam haben sie einen großartigen Plan entwickelt und er fühlt sich seltsam frei und leicht, als er in die Kissen sinkt. Alle Geschenke werden sortiert und an gemeinnützige Organisationen weitergeleitet. Ab sofort wird eine Annahmestelle eingerichtet, sodass sich keine neuen Berge ansammeln können. Danach werden alle Räume gründlich aufgeräumt und gereinigt.
Noch während Linus in einen leichten Schlaf hinübergleitet, geht ihm der Gedanke durch den Kopf, wie viel mehr sie erreichen könnten, wenn er sich nicht hinter der Maske der Anonymität verstecken würde, sondern stattdessen seinen Namen und seine Reichweite ebenso für das Thema mentale Gesundheit einsetzen würde, wie Aura. Doch bevor er sich in eine weitere Angstspirale aus Gedanken steigern kann, schläft der Papst ein und träumt von einer Welt, in der er sich niemand mehr für seine Schwächen zu verstecken braucht.

Am nächsten Morgen fühlt er sich ungeheuer stark und ausgeruht. Sofort zieht er einen Stift und einen Schreibblock aus seiner Nachttischschublade und macht sich an eine neue Version seiner Sonntagspredigt. Dann schreibt er Aura eine Nachricht, in der er sie informiert, dass er gern sein Gesicht in ihren Videos zeigen würde und auch selbst eine Menge zu sagen hätte.
Nach dem Frühstück schnappt er sich Lappen und Eimer und lässt sich von Auras Instagram-Kanal erklären, wie man vernünftig Staub wischt. Als sein Schlafzimmer nach zwei Stunden blitzeblank ist, sinkt Linus ein wenig erschöpft in einen Stuhl und starrt mit großen Augen die frisch abgewischten Möbel in seinem Schlafgemach an. Und dann kann er auf einmal gar nicht mehr aufhören zu weinen. Tränen der Freude und der Erleichterung strömen ihm die Wangen herunter und er tanzt barfuß über das frisch polierte Parkett, bis Boris ihn mit einem Frühstückstablett überrascht.

counter1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von VictoryViktoria (VictoryViktoria):

Escape-Room für Katzen
Rauhnächte - Der Plan
Der Otter und der revolutionär gute Rotwein
Die Otter-Erbschaft
Frischer Fisch gegen körperliche Zuwendungen