Veröffentlicht: 26.03.2025. Rubrik: Menschliches
Seeruhe
Das Einsteigen in die Nussschale von Boot geht beim ersten Mal noch etwas wackelig vonstatten und auch das Gefährt ins Wasser zu schieben, wird von etwas Nervosität begleitet. Die Ruder fühlen sich fremd in meinen Händen an und die ersten Züge würden einen Betrachter wohl vermuten lassen, dass ich in meinem Leben noch nie gerudert wäre.
Doch nach einigen Zügen erinnert sich mein Bewegungsapparat und auch wenn es noch schwerfällt, wirklich auf einem Strich zu rudern, ist meine Begleitung doch erstaunt, wie zügig es voran geht, wenn auch mit leichtem Zickzackkurs.
Meine Muskulatur vermittelt mir allerdings frühzeitig, dass es diese Belastung nur kurz ertragen möchte und so bin ich froh, dass die Strecke bis zum offenen Wasser nur wenige Minuten dauert und der Elektromotor mich ablöst.
Leise surrend nimmt er seine Arbeit auf und wir gleiten über die nur circa zweifingerhohen Wellen. Erstaunlich, wie schnell alle Anspannung plötzlich von mir abfällt. So, als wenn ich nach Hause gekommen wäre, obwohl ich davon eine Tagesreise entfernt bin.
Dabei wurde ich weder in Wassernähe geboren, noch besitze ich das Privileg, in Wassernähe wohnen zu dürfen und die Gewässer in meiner heimatlichen Nähe, sind von Menschen und Hunden so überlaufen, dass sie mich, wenn überhaupt, nur in den frühen Morgenstunden einmal auf dem Fahrrad sitzend sehen.
Es dauert nicht lange und in mir keimt die Frage, warum so viel Geschiss um die Elektromobilität zu Lande gemacht wird, während sie auf den Gewässern doch noch viel sinnvoller wäre. Schließlich gelten Gewässer grundsätzlich als Erholungsorte. Ich möchte sicher niemanden sein Wasserskifahren vermiesen, aber wenn es etwas geräuschloser vonstattenginge, wäre es doch ein tragbarer Kompromiss, zwischen Freizeitspaß und Erholungssuchenden.
Ein Fischadler zieht seine Kreise, sofort stellen wir den Motor ab und lassen uns treiben. Beobachten ehrfürchtig, wie dieser majestätische Vogel sein Revier überfliegt. Ein Geschenk, von dem ich nicht zu träumen wagte und mir wieder schlagartig bewusst macht, wie fehlgeleitet viele Menschen doch mit ihrem höher, schneller, weiter Lebensstil sind.
Kurz darauf zerreißt das Öffnen einer Dose Bier die Seeruhe und unsere bunten Angel-Posen zieren die Wasseroberfläche. Ob wir einen Fisch fangen werden, ist dabei zweitrangig! In völliger Seeruhe lassen wir uns dahintreiben und ab und zu hören wir den Fischadler noch rufen, ohne ihn allerdings noch einmal zu Gesicht zu bekommen.

