Veröffentlicht: 21.03.2025. Rubrik: Unsortiert
Zugeständnisse
Seit knapp zwei Jahren lebe ich wieder an meinem früheren Wohnort in einer idyllischen kleinen Stadt am Rande eines Naherholungsgebiets; ich fühle mich inzwischen wieder wohl hier. Es gibt allerdings eine Stadtrandsiedlung, die mir Unbehagen bereitet, mit der ich mich nach meiner Rückkehr noch nicht wieder anfreunden konnte; keineswegs weil mir das Ambiente dort nicht zusagt, eher im Gegenteil, diese Gegend strahlt eine ruhige, gediegene Atmosphäre aus. Ich muss mich immer noch überwinden, in dieser Straße umherzugehen oder dort Rad zu fahren, hier, wo der anspruchsvolle, komfortable Lebensstil hinter den gepflegten Vorgärten mit seinen akkurat gestutzten Bäumen und Sträuchern deutlich erkennbar ist. Aber der Anblick eines bestimmten Hauses veranlasst mich, diese Häuserreihe zügig hinter mich zu lassen. Es ist ein beeindruckendes Anwesen mit attraktiven architektonischen Details, ruhig gelegen am Ende einer Nebenstraße. Dieses Schmuckstück von einem Eigenheim war für viele Jahre der glückliche Mittelpunkt für mich und meine Familie gewesen.
Es geschah an an einem sonnigen Freitag im Vorfrühling, dass meine damalige Ehefrau zum dritten Mal einen anberaumten Scheidungstermin platzen ließ. Die dazu jeweils passenden gesundheitlichen Gründe waren nachzuvollziehen, medizinisch attestiert und überhaupt, meine frühere Gattin hatte keinen Grund für eine böswillige Verzögerung, wir waren uns einig, es lag ein Ehevertrag vor, der sämtliche Details regelte, viele davon zu meinen Gunsten; das war in aller Klarheit einvernehmlich ausformuliert. Dann nur noch wenige Tage bis zu einem neuerlichen Termin vor Gericht, meine Frau war gesundheitlich wiederhergestellt, als nun ich zu schwächeln begann, ein eitriger Abszess im Unterkiefer führte zur Extraktion zweier Backenzähne; äußerst unangenehm und schmerzhaft, aber dennoch, ich wollte unbedingt den Termin vor dem Scheidungsrichter einhalten. Und dieses stellte sich problematischer dar, als ich es hätte vorausahnen können, ich litt unter den Folgen einer starken Sekundärinfektion, die mich normalerweise verhandlungsunfähig gemacht hätte – in meinem übergroßen Frust war ein Fernbleiben trotz starker Beschwerden keine Option für mich.
Also erschien ich zum anberaumten Termin, und niemand merkte mir an, dass ich völlig von der Rolle war. Als langjährig trainierter Party-Gänger konnte ich mit der Wirkung psychogen wirkender Substanzen gut umgehen – normalerweise. Dieser Cocktail jetzt aber, eine Mischung aus diversen Schmerzmitteln, Tranquilizern, ein Glas Whisky als Kontra-Droge, sowie eine gut bemessene Prise Kokain hatten mich durch synergetische Effekte aufrechterhalten. Aber mein psychischer Zustand fühlte sich komplett abgehoben an, ich lebte, besser gesagt, ich schwebte, wie ferngesteuert über der trivialen Ebene eines Normalsterblichen.
Und in diesem Zustand, so entnahm ich später den Gerichtsakten, hatte ich nicht nur meinen Anwalt während der Verhandlung gefeuert, ich hatte meiner damaligen Frau in einem Anfall ungebremsten Schenkungswahns mein gesamtes Vermögen überlassen, auf das alleinige Sorgerecht für unsere zwei Kinder verzichtet und und ihr mein Haus in einer bevorzugten Wohngegend übereignet. Alleine für die Begründung dieses extrem altruistischen Anfalls benötigte ich fast fünfzig Minuten. In einem Zustand, der zwischen absoluter Entfremdung und durchscheinender Klarheit schwankte, klangen meine Ausführungen zunächst wie ein Versuch, meinem inneren Chaos einen Sinn zu verleihen. Ich erklärte, dass das Leben, das ich bis zu diesem Punkt geführt hatte, von Selbstsucht und materiellen Zwängen geprägt war. Die Entscheidung, all dieses loszulassen, erschien mir folglich als Akt der wahren Freiheit. Meine großzügigen Zugeständnisse sollten nicht als Schwäche, sondern als ein Streben nach Selbsttranszendenz verstanden werden. Diese aberwitzigen Ausführungen klangen absolut wahrhaftig - sie gingen so in das Protokoll ein. Die Folgen realisierte ich erst viel später, als ich völlig entsetzt die Scheidungspapiere durchsah - Einspruchsmöglichkeiten gab es da keine mehr. Ich musste das Haus räumen und zog in eine andere Stadt.

