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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von rubber sole.
Veröffentlicht: 14.03.2025. Rubrik: Unsortiert


Herausforderung

„Freut Euch, wir haben gesiegt!“ Dieser überlieferte Ausruf des antiken griechischen Läufers Pheidippides nach der gewonnenen Schlacht von Marathon im Jahr 490 v. Chr. war Motivation für mich, noch während der Reha-Maßnahme nach einem Herzinfarkt ein Vorbereitungstraining für einen Marathonlauf zu planen - ich suchte die ultimative Herausforderung. Dafür wurde ich belächelt, nicht von den Ärzten, es waren eher Freunde und Verwandte, die dieses als Spinnerei abtaten. Als ich weiter ausführte, die Distanz von gut 40 km auf der original historischen Strecke von Marathon nach Athen zu laufen, fiel zum ersten Mal das Wort Größenwahn; ich kommentierte dieses nicht, stieg stattdessen ins Training ein.

Siebzehn Monate und elf Wochen später war es soweit, ich hatte die ärztlich attestierte Fitness, einen Marathonlauf absolvieren zu können. Voller Energie startete ich den Lauf am Strand von Marathon. Der Weg führte mich durch die Hügellandschaft Attikas in Richtung Athen. Nach halber Distanz, nahe dem Kloster Moni Pendilis, streifte mich ein Lastwagen, ich stürzte und zog mir eine Beinverletzung zu, die in einem nahen Krankenhaus behandelt werden musste. Ruhe war angesagt, mindestens für zwei Wochen. Dort war es die Freundschaft zum Pfleger Nikos, die eine Wende in meinem Leben brachte. Durch diesen jungen Griechen änderte sich meine Einstellung zum Laufsport, der in der Folge einen noch höheren Stellenwert einnahm. Nikos war Mit-Initiator eines aufsehenerregenden Wettbewerbs, eines Ultra-Marathons über 245 km von Athen nach Sparta, nur von wenigen Schlafpausen unterbrochen. Ich ließ mich animieren, nach Wiederherstellung meiner Gesundheit, in das anspruchsvolle Training einzusteigen. So wollte ich meine Leistungsfähigkeit steigern, um nicht das sportliche Rest-Leben als 'Mister Halbmarathon', als den ich mich nach meiner Zwangspause sah, in Unzufriedenheit zu verbringen. Das Leben in der Trainingsgruppe verschaffte mir die mentale Stärke, mich auf diese extreme sportliche Herausforderung vorzubereiten. Die Tage verstrichen in einer Art Nebel aus hartem Training und Müdigkeit bei diesem Kampf gegen mich selbst, gegen die Grenzen meiner Körperlichkeit und gegen die Erinnerung an den inzwischen lange zurückliegenden Herzinfarkt.

Dann war es soweit, ich stand in der Gruppe der Läufer, die sich in Athen versammelten. Der Himmel war noch dunkel, der Rest-Mond schien auf die Stadt herab, als ich die ersten Schritte machte. Die Luft war kühl und klar, und ich fühlte mich, als könnte ich alles schaffen, ich lief mit einem gleichmäßigen Tempo, um den Körper nicht zu überlasten. Als später die Hügel der Peloponnes-Halbinsel in Sichtweite kamen, begann die wahre Herausforderung. Das Streckenprofil wurde anspruchsvoller, der Atem schwerer, zusätzlich brannte die Sonne gnadenlos auf uns Läufer herab. Die Schmerzen in meinen Beinen nahmen zu, doch die Fokussierung auf das körperliche Leistungsvermögen sowie auf meine vorhandene mentale Stärke gaben mir die nötige Kraft, ließen mich weiterlaufen - jeder Schritt war ein Sieg.

Dann, in der ersten Nacht, als die Dunkelheit sich auf die Laufstrecke legte, wusste ich, dass der wahre Kampf erst jetzt begann. Die Strecke schlängelte sich über Gebirgspfade, die nur spärlich von entfernten Lichtern erleuchtet wurden. Müdigkeit setzte ein, mein Körper war am Limit. Den Moment, als ich das erste Mal die Umrisse der Stadt Sparta zu erkennen glaubte, habe ich nur schwach in Erinnerung, als Halluzination, die während der Anstrengung des Laufs in mir aufstieg: Eine bizarre Mischung aus intensiven Sinneseindrücken und einem Gefühl der Verfremdung, ein verschwommenes Flimmern, das meine Umgebung verzerrte. Ich sah schemenhafte Figuren vor mir auftauchen und wieder zerfließen. Dazu verstörte mich ein erdrückender Klangteppich, der sich als dröhnendes Echo in mir ausbreitete. Und als sich selbst die Landschaft in unwirkliche Details auflöste, kollabierte ich – an den Ort Sparta selbst habe ich außer jene an verschwommene Halluzinationen keine Erinnerung.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Jens Richter am 14.03.2025:
Kommentar gern gelesen.
Lieber rubber sole, eine starke Geschichte.
Solche Texte von Menschen, die ihren inneren Schweinehund überwinden, motivieren mich immer wieder dazu, mich zweimal die Woche nach der Arbeit aufzurappeln, um zum Training zu gehen.
Sehr gern gelesen.
Viele Grüße von Jens





geschrieben von rubber sole am 15.03.2025:

>Jens Richter:

herzlichen Dank, Jens, deinen Kommentar habe ich sehr gerne gelesen. Wie Du richtig beschreibst, sollte man sich mitunter zu Anstrengungen überwinden – die Motivation muss ja nicht immer über ein extremes Beispiel erfolgen, wichtig: Man tut es!

lgrs

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