Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben 2025 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 20.03.2025. Rubrik: Fantastisches


Erinnerungen

Auf meiner Heimatwelt Athana leben ungefähr 3,8 Millionen Einwohner menschlichen Ursprungs, einige tausend Vargr und einer unbekannten Anzahl an Ureinwohnern. Ihr kleines Sternensystem liegt recht abgeschieden am Rand des Imperiums, dicht an der Grenze zu den Vargr-Weiten.

Die Oberfläche besteht zu 73% aus teilweise sehr tiefen Ozeanen und wird dominiert von drei großen Kontinenten. Der Größte im Norden reicht bis in die Äquatorregion hinein und wird von den beiden anderen Kontinenten durch den sogenannten Mittelozean getrennt. Die meisten Menschen haben sich im Süden angesiedelt, wo sie die riesigen Königsbäume fällen und ihr teures Edelholz für viel Geld exportieren.

Die Tierwelt auf Athana ist sehr aggressiv. Bei den meisten dieser Lebewesen handelt es sich um sogenannte Läufer - Laufechsen, die sehr unterschiedlich groß werden und aussehen, sich aber in einem einig sind: Sie haben immer Hunger und fressen alles, was ihnen vor die Schnauze kommt, einschließlich Aas, Artgenossen und Menschen. Deswegen leben die meisten Einwohner hier gut geschützt in großen, würfelförmigen Wohn- und Arbeitskomplexen und verlassen ihr Habitat nur für ihre Holzindustrie - geschützt von wohlbewaffneten und gut ausgebildeten Sicherheitsleuten, die planetenweit nur Jäger genannt werden.

Auf der Nordhalbkugel sehen die Verhältnisse ähnlich aus, nur das die Menschen hier in durch Wälle und Zäune eingefriedete kleine Städte leben. Auch der Sternenhafen und die winzige Basis des IISS (Imperial Interstellar Scout Service, eine Imperiale Forschungsinstitution) befinden sich dort.

Geboren wurde ich vor 21 Standardjahren (oder 34,4 Athana-Jahren) in Ostrid, einem kleinen, eingedeichten Vorort der Hauptstadt Capital. Meine Familie lebt dort von der Landwirtschaft. Athana's ausgezeichnete Mutterböden und das ausgewogene Klima lassen drei Ernten im Jahr zu. Die Landwirtschaft als Lebensgrundlage indes war nicht meins und so sah ich mich nach Alternativen um.

Athana's Regierung verfügt über kein Militär. Die Marquise von Athana (genauer gesagt ihr Ehemann und Statthalter Lord Lotho von Tjelck) unterhielt aber aus eigener Tasche einen gemischten Verband Luft-, See- und Erdstreitkräfte. Nach der Grundausbildung als Infanterist wurde ich der zweiten Staffel der Athana Air Force zugeteilt und zum Piloten ausgebildet.

Zweite Staffel Athana Air Force klingt zunächst mal ganz imposant. Der relativ niedrige Technologiegrad des Planeten setzt der verfügbaren Ausrüstung und dessen Wartungsmöglichkeiten Grenzen. Wir fliegen einfache aber sehr robuste Wasserflugzeuge. Über Waffen, Panzerung oder spezielle Sensorik verfügen diese Dinger nicht - lediglich der grün/blaue Tarnanstrich deutete keine zivile Verwendung an. Aber auch unsere Einsätze sind wenig militärisch. Eigentlich transportieren wir nur Mensch und Material von A nach B, wenn es der Zeitfaktor notwendig macht oder die Ladung einen bestimmten politischen oder wirtschaftlichen Wert überschritt - an sich sind wir eine ordinäre Lufttransportgesellschaft. Zu anderen militärischen Anwendungen sind diese Fluggeräte auch kaum geeignet. Neben den Sternenschiffen und Kommunikationstechnologien des IISS wirkte unsere Truppe wie aus der hintersten Provinz.

Auf jeden Fall war die Pilotenausbildung ein Glücksgriff für mich, habe ich doch mit der Fliegerei mein natürliches Talent gefunden, das mich mein Leben lang begleitete.

Am Ende führte mich meine Berufung weit von Athana weg zu den Sternen, aber das ist eine andere Geschichte.

***

Ich kam gerade im Rahmen einer Routinemission von der Küste und war im Landeanflug auf den Flughafen von Capital, einen 800x500 Meter großen und flachen künstlichen See. Die Landung verlief wie immer problemlos und ich stellte punktgenau auf Höhe des Stützpunktkanals die Motoren aus. Ein Schlepperboot wartete schon auf mich, hakte sich ein und zog meinen Flieger durch den sogenannten Marine-Kanal.

Das Swordfish-Wasserflugzeug verfügte zwar hinten an beiden Schwimmkörpern über einen eigenen Unterwasser-Propellerantrieb - dieser war allerdings wenig leistungsstark und taugte nur zur Richtungsänderung auf engen Raum.
Schon im Kanal bemerkte ich, dass etwas nicht stimmt. Alle Versorgungsbuchten waren leer, bis auf eine; dieses Flugzeug war aber zur Zeit nicht flugfähig. Trotzdem liefen überall auffallend viele Personen herum. An meiner Bucht stand bereits die Bodencrew mit ihrem mobilen Treibstofftank bereit. Darüber hinaus sah ich noch ein gutes Dutzend Leute, von denen ich nur meinen Staffelführer Flight Lieutenant Rievers erkannte.

Kurz vor dem Erreichen der Bucht hakte sich mein Schlepper ab und die Bodencrew zog mich mit langen Enterhaken in die Aussparung. Das Flugzeug war noch gar nicht richtig gesichert, da begann schon die Betankung. Mein Staffelführer trat auf den Schwimmkörper und öffnete die Cockpittür: »Ben. Gut, dass du da bist. Du musst leider gleich wieder los.«
»Was ist denn los, Max?«
»Ein Scoutschiff ist drüben in den Orgham-Sümpfen abgestürzt. Die Besatzung schwer verletzt. Der IISS hat zur Zeit keine Schiffe zur Verfügung und uns um Hilfe gebeten.«
»Die Orgham-Sümpfe? Das ist ein großes Gebiet, Max. Wie soll ich da ein havariertes Schiff finden?«, fragte ich.
»Der Pilot konnte sich bis zur Sina-Schleife des Panquet-Flusses durchschlagen. Er wurde dort von einer kleinen Barge aufgenommen, die Königshölzer von der Küste stromaufwärts bringt. Ich zeige es dir.«
Er zog eine Karte aus seiner Uniform und entfaltete sie auf meinem Armaturenbrett. Sein Finger wanderte von unserem Standort aus nach Osten, wo ein Fluss kreuzte: »Das ist der Panquet. Flussabwärts ...«, sein Finger wanderte in südliche Richtung, »... kommt eine langgezogene Linkskurve und führt in etwa nach Osten. Nach achtzig Kilometern macht der Fluss eine 180-Grad-Wende, die sogenannte Sina-Kehre, bevor er wieder in Richtung Süden biegt und sich im Panquet-Delta verläuft. Auf der Ostseite der Schleife nahm die Barge den Piloten an Bord. Heute früh kamen sie erst an. Er sagte, er wäre von der Absturzstelle, nah an einem See, etwa zwei Kilometer nach Westen gelaufen, bevor die Sina-Schleife seinen Weg kreuzte. Das grenzt den Suchbereich stark ein, Ben.« Er umkreiste den Bereich mit den Finger.
»Und was soll ich genau tun?«, fragte ich.
»Das Schiff finden und die Stelle markieren.« Er gab mir eine faustgroße, graue Kugel mit IISS-Emblem. »Das ist ein Peilsender der Scouts. Wird hier an der Oberseite aktiviert.«
»Und dann?«
»Es gibt dort viele Seen. Wenn möglich landen und die Schwerverletzten evakuieren. Der Pilot meint, die halten nicht mehr lange durch.«
»Großartig.«, meinte ich leicht sarkastisch.
»Tut mir leid, Ben, aber alle anderen Flugzeuge sind unterwegs. Außerdem bist du der beste Pilot, den wir haben.«
»Ich weiß.«, sagte ich mit gespielter Arroganz und zwinkerte ihm zu. Er grinste zurück, wurde aber gleich wieder ernst: »Wir organisieren parallel eine Bergungsmission per Schiff. Von der Schleife aus könnte ein Rettungsteam mit Hilfe des Peilsenders das Wrack finden. Insgesamt kann das aber Tage dauern.«
»Wen gibst du mir mit?«
»Den Basisarzt des IISS Doktor Carrs, den Missionsleiter Burgess, Lieutenant Dexter vom Oberkommando und zu eurem Schutz zwei Jäger.«
»Auf gar keinen Fall!«, meckerte ich empört. Die Swordfish kann zwar bis zu sechs Passagiere transportieren, aber es gab zwei limitierende Faktoren.
»Bei so vielen Leuten müsste ich am Ende drei, viermal oder öfters fliegen - bevor es dunkel wird, ist es nicht zu schaffen.« Athana hat einen 30 Stunden Tag und jetzt war es 12:15 Vormittag Athana-Zeit. In etwa zehn Stunden würde es dunkel werden und dann war es vorbei mit der Fliegerei. Die Evakuierung würde sich um mindestens 15 Stunden verzögern. »Außerdem ...«, fügte ich hinzu, »... sind die Seen dort nicht sehr groß und falls ich landen und wieder starten sollte, verlängert jede Person zusätzlich den Weg um mindestens 50 Meter.« Das war eine Faustregel, die nicht unbedingt stimmen musste, aber grundsätzlich war mein Einwand berechtigt.
»Okay, Ben.«, stöhnte Max.
»Nur die Jäger und den Doc. Die beiden anderen müssen schwimmen.«, sagte ich mit Nachdruck.

Rievers ging zu der Personengruppe am Kai; eine aufgeregte Diskussion folgte. Schließlich setzte er sich durch und aus der Gruppe lösten sich drei Personen. Zwei trugen die typischen Spezialwaffen der Jäger, armlange Gewehre mit der Besonderheit, dass Griff und Abzug vorne am Lauf angebracht war, die Waffe sich also nur mit langen Arm führen ließ. Die dritte Person trug die Uniform des IISS und eine Erste-Hilfe-Tasche - zweifellos der Doc. Beim Eintreten ins Flugzeug stellte sie sich auch gleich vor: »Doktor Melinda Carrs, IISS.« Sie war klein, drahtig und mittleren Alters mit einem Allerweltsgesicht.

»Hallo, Doc. Benjamin Crane. Setzen sie sich bitte im Laderaum auf einen Notsitz und halten sie ihre Tasche gut fest.«
»Okay, Benjamin. Wie lange werden wir brauchen?« Ich überschlug in Gedanken die voraussichtliche Flugzeit: »Etwa 90 Minuten, denke ich. Und schnallen sie sich an!«

Als nächstes betrat eine Jägerin meinen Flieger. Sie war dunkelhäutig und mit ihren 190cm Körpergröße etwas größer als ich und genauso massiv. Sie trug ihre Haare nach der neusten Mode als ovalen Haufen zentral auf dem Kopf: »Deb Geonearie, Oberjägerin.«
»Okay, Geonearie. Setzen sie sich bitte auf den Co-Pilotensitz als mein Gegengewicht. Haben sie gute Augen?«
»Ja.«, erwiderte sie knapp und etwas pikiert. Als Jägerin verfügte sie selbstverständlich über ein ausgezeichnetes Seevermögen.
»Sehr gut. Kann ich nachher hier vorne gut gebrauchen.«
Sie zog kurz die Oberlippe hoch und sagte nichts weiter, als sie sich zu mir ins Cockpit quetschte. Hinter ihr kam der zweite Jäger. Er sah sehr jung aus, kaute Kaugummi und machte mit seinem wirren Haarschopf auf cool. Ich sah es ihm aber an den Augen an, dass er sehr aufgeregt war. »Jäger Chuck Message.«, sagte er mit einem schleppenden Südkontinent-Akzent.
»Okay, Chuck. Setzen sie sich bitte dem Doc gegenüber.«

Am Ende steckte noch einmal mein Staffelchef den Kopf ins Cockpit: »Das Flugzeug ist aufgetankt und fertig zum Start.« Er warf mir einen kleinen Kommunikator zu: »Kurzstrecke. Reichweite etwa fünf Kilometer. Das Schiff und wir hier halten den Kanal offen, aber für eine Verbindung zwischen der Absturzstelle und uns wird es nicht reichen. Unser Bordfunk ist nicht mit den IISS-Frequenzen kompatibel.«
»Okay.«
»Dann guten Flug!« Er grüßte kurz und schloss die Tür. Mittlerer Weile hatte mich der Schlepper wieder am Haken und zog die Maschine langsam aus der Bucht und den Kanal zurück auf den See. Als wir weit genug vom Ufer entfernt waren, hakte er mich aus; ich startete die Motoren und korrigierte die Ausrichtung. Dann rief ich nach hinten: »Kopfhörer aufsetzen, anschnallen und festhalten. Es geht los.« Ich brachte die Motoren auf volle Leistung. Ohrenbetäubender Lärm! Das Cockpit vibrierte. Träge beschleunigte das Flugzeug. Je schneller es wurde, um so geringer wurde der Wasserwiderstand. Die Schwimmkörper patschten noch zwei oder dreimal auf die Wasseroberfläche, dann hoben wir endgültig ab.

Ich zog den Flieger auf 100 Meter Höhe und drosselte die Motoren. Dann drehte ich die Maschine in Richtung Ost. Max hatte mir die Karte dagelassen, dank seiner Einweisung hatte ich sie nicht gebraucht. Und dank der Angaben des Piloten war das Suchgebiet übersichtlich. Ein abgestürztes Schiff in dieser Sumpflandschaft ohne Referenzpunkte zu finden, wäre die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Gegen die Sonne konnte ich den breiten Fluss Panquet gut ausmachen. Gut, dass das Schiff in seiner Nähe abgestürzt ist - ich brauchte nur den Flussverlauf folgen.

Nach etwa einer Stunde erreichten wir die besagte Sina-Schleife. Ich drosselte die Geschwindigkeit, blieb aber auf Höhe. Hinter der Schleife konnte ich viele Seen ausmachen die im Sonnenlicht glitzerten. Ich achtete auf zerstörte Baumbestände an deren Ufern. Plötzlich tippte mir Deb auf die Schulter und deutete auf einen schmalen See, der sich in Süd-Nord-Richtung erstreckte. Am Westufer war ein auffallend lichter Bereich auszumachen. Ich ging tiefer und steuerte auf diese Stelle zu. Tatsächlich! Eine kurze Schneise umgestürzter Bäume. Am Ende schimmerte der blau-graue, pfeilförmige Rumpf eines Sternenschiffs. Als wir die Absturzstelle passiert hatten, flog ich eine große 270-Grad-Kurve, um den gesamten See als Landebahn zu nutzen. Dieser war zwar schmal, schien mir aber für eine Landung oder Start lang genug.

Ich erwischte auf Anhieb den perfekten Anflugsvektor, drosselte die Motoren weiter und fuhr die Landeklappen aus. Nach ein paar Hopsern war die Landung geglückt. Als wir langsam genug waren, drehte ich das Flugzeug mit den Propellern an den Schwimmkörpern und steuerte das westliche Ufer in Höhe der Absturzstelle an. Von hier unten war das Schiff nicht zu erkennen und ich wäre beinahe daran vorbei gefahren, wenn nicht am Ufer jemand stand, mit einem Arm winkte und laut rief.

Ich fuhr so dicht wie möglich an das Ufer. Schilf und andere Wasserpflanzen verhinderten ein direktes Anlegen, aber zum Glück lag ein mächtiger, umgeknickter Baum halb im Wasser, den wir als Steg benutzen konnten. Das hatte auch die Person am Ufer erkannt und balancierte den Stamm entlang. Ich schaltete die Motoren aus und trat hinaus auf den Schwimmkörper. Aus einem Fach an der Oberseite entnahm ich ein Seil, befestigte es an dem Flugzeug und warf das andere Ende der Person auf dem Stamm zu. Es war ein junger Mann in IISS-Uniform. Den linken Arm trug er in einer Schlinge um den Hals.
»Hey, Mann. Schön euch zu sehen.«, rief er.
»Ja. Mich auch. Ging leider nicht schneller.«, sagte ich: »Zieh' das Flugzeug so dicht wie möglich heran und binde es an.«
»Ja, Chef.«
Perfekt! Über den Schwimmkörper konnten wir nun direkt den Baum betreten und zum Ufer gelangen, ohne nasse Füße in dieser trüben, nicht gerade wohlriechende Brühe zu bekommen.
Nun waren die Jäger dran.
Die riesige Gionearie drängelte sich an mir vorbei auf den Baumstamm und ging vorsichtig Richtung Ufer. Als sie den nervös lächelnden Scout passierte schnarrte sie: »Idiot!« und würdigte ihn mit keinem Blick. Chuck machte es genauso, nur dass er »Blödmann.« sagte. Dann kam Doktor Carrs. Sie und der Scout kannten sich natürlich: »Bert. Wie sieht es aus?«
»Doktor? Belfiger und Lopez liegen hinten im Schiff. Sieht nicht gut aus.«
Ich nahm mir einen Karabiner aus dem Cockpit und folgte Carrs. Auf Bert's Höhe hielt er mich an und nickte in Richtung der Jäger: »Ich bin Bert Lamian. Was habe ich denn verbrochen?«
Nicht nur, dass er sich in Gefahr gebracht hat, hier draußen alleine herumzulaufen - »Die sind angepisst, dass du mit deinem Gewinke und Geschrei vielleicht eine Horde Läufer auf uns aufmerksam gemacht hast. Ich bin Benjamin.« Mit dem Krach von Flugzeugmotoren konnten diese Viecher nicht viel anfangen – ein ebenso einsames wie auffälliges Menschlein bot sich allerdings als Mahlzeit geradezu an.

»Shhhht! Klappe halten.« Das kam von der Jägerin und galt uns. Sie stand am Ufer und spähte in den Wald - die linke Faust zum Himmel gehalten, um ein allgemeines 'Achtung' zu signalisieren. So stand sie einige Minuten und schwenkte ihre Waffe von links nach rechts.

Plötzlich öffnete sie die Faust, senkte den linken Arm wieder und pirschte langsam los zum Schiff. Der große, pfeilförmige Rumpf war knapp 38 Meter lang und hatte eine Spannweite von 24 Metern. Es lag keine zwanzig Meter weit entfernt, halb in einen sumpfigen Tümpel versunken und bedeckt von gefällten Bäumen, Blättern und Astwerk. Etwas weiter und das Schiff wäre in den See gerutscht. Ich weiß zwar nicht, wie tief es hier ist, ab es gibt viele, die fünf Meter und tiefer sind.

»Was sollte das denn?«, fragte der Scout und sah den Jägern hinterher. Man merkte deutlich, dass er nicht von hier war.
»Sie hat in den Wald gelauscht. «, erklärte ich ihm. Auf seinem Blick des Unverständnisses erläuterte ich: »Der Wald hat seine eigenen Geräusche. Der Wind, die Bäume und die Tierwelt. Wenn Läufer unterwegs sind, ändert sich der Sound und das kann man hören. Es gibt bei den Jägern ein Sprichwort: Im Wald kann man mit den Ohren besser sehen als mit den Augen hören.« Er nickte - ich sah ihm aber an, dass er nur die Hälfte verstanden hatte. »Na, zum Glück habe ich ja die hier dabei.« Er klopfte auf seinen Pistolenholster auf der Hüfte.
»Im Holster nützt dir die Waffe nicht, wenn du hier herumläufst.«, riet ich ihn. Er nickte wieder, nahm die Pistole heraus und lud sie durch: »Okay, Chef. Alles klar.«

Dann beeilten wir uns, zu den anderen aufzuschließen. Die Jägerin ging voran. Ihr folgte der Doc. Chuck scheuchte uns mit seiner Knarre wortlos in die Reihe und bildete die Nachhut.
So watschelten wir dem Schiff entgegen. Auf den Weg aktivierte ich den Peilsender und warf ihn mit einigen Abstand zum Schiff in den Wald, um Interferenzen zu vermeiden. Das schwere Scoutschiff hatte sich mit der Spitze voran tief in den lockeren und sumpfigen Boden gebohrt. Die Ladeluke an der Unterseite war unzugänglich im matschigen Boden eingegraben. Der IISS wird es schwer haben, das Wrack zu bergen.

Wir gingen langsam die Flanke entlang zum Heck des Schiffes, wo sich die Hauptschleuse befand. Diese war geschlossen und lag etwa zwei Meter über den Boden. Die Jäger sicherten die Umgebung. »Los jetzt.«, zischte Gionearie den Scout an. Bert kletterte die wackelige Leiter hinauf, öffnete die Irisblende und schlüpfte in das Schiff. Carrs folgte ihm, dann ich. Durch die Schleuse hindurch, ging ich durch die zweite Blende in den sogenannten Operationsraum, ein für verschiedene Anwendungsmöglichkeiten konfigurierbares Labor. Die spärliche Notbeleuchtung gab der Szene einen etwas unheimlichen Touch. Zum Glück funktionierten die Schwerkraftgeneratoren noch und der Boden schien eben – tatsächlich hatte sich das Schiff mit einem Winkel von etwa 30 Grad in den sumpfigen Boden bebohrt, was uns das Laufen auf den Decks recht schwer gemacht hätte.

Auf dem Boden lagen zwischen umgestürzter und zerbrochener Ausrüstung zwei Frauen in Scoutuniform in Seitenlage. Die eine war bewusstlos. Carrs kniete bereits bei ihr und legte der Frau gerade eine Diagnostikmanschette an. Die andere war bei Bewusstsein, hatte aber einen fetten Druckverband über der Stirn, durch den sich ein dunkler Fleck trockenen Blutes abzeichnete.

Carrs prüfte besorgt die Vitaldaten auf den Panel und schüttelte leicht den Kopf. Danach schnitt sie den Overall der Frau auf und betastete vorsichtig den Bauchbereich. Bert und ich standen daneben wie bestellt und nicht abgeholt. Die beiden Jäger blieben in der Schleuse und schauten nur ab und zu in den Raum.

»Bert. Weißt du wie das passiert ist?«, fragte Carrs.
»Nein, Doc. Ich war im Geschützturm, als wir abstürzten. Ich half Rolfono die beiden hierher zu bringen und bei der Erstversorgung. Viel konnten wir aber nicht tun. Dann war er auch schon weg um Hilfe zu holen.«
Der Doktor überprüfte die Pupillenreflexe ihrer Patientin: »Hat er nichts gesagt?«
»Nein, Doc.«
»Shit!« Dann wandte sie sich der Bordingenieurin Lopez zu: »Andrea. Alles klar?«
Es dauerte einen Moment, bis die angesprochene antwortete: »Sehr gut, Doc. Nur einen Brummschädel habe ich. Bin beim Absturz gegen eine Armatur geknallt.«
»Okay, Andrea. Ich nehme dir den Verband ab, um den Druck zu lindern. Die Blutung hat bereits gestoppt, kann also nichts mehr passieren. Bleib' aber so liegen und beweg' dich möglichst nicht. Ich gebe dir gleich etwas gegen den Schock und Brummschädel.«
Nach ein paar Sekunden nickte Andrea leicht. »Ich sagte doch, nicht bewegen.«, wies Carrs sie mit gespielter Empörung zurecht. Sie entfernte dann vorsichtig den Druckverband. Die Wunde sah wirklich schlimm aus - zwei breite, rot-schwarze Wundränder; dazwischen etwas helleres, vertrocknetes Blut. Es wirkte wie aufgeklebt. Dann nahm sie zwei Hochdruck-Kanülen aus ihrer Tasche und jagte den Inhalt der Ingenieurin in den Oberarm, nachdem sie ihr den Ärmel aufgeschnitten hatte. Das gleiche machte sie mit der bewusstlosen Belfiger und legte ihr noch eine Plasmainfusion in die Armbeuge. Den Plasmabeutel drückte sie Bert in die Hand: »Schön hochhalten, ja? Was ist mit deinem Arm?«
»Tut weh. Der Ellenbogen ist wohl hin. Ist aber nicht so schlimm.«
»Okay, Bert. Das schauen wir uns nachher an.«, sagte Carrs und wandte sich wieder Andrea zu: »Die Wunde ist geschlossen. Sieht nicht allzu schlimm aus. Ich werde aber noch einen leichten Wundverband drauf legen, okay?« Wieder dauerte es einen Moment, bis Andrea mit einem leichten Nicken reagierte.

Dann kam Carrs zu mir an die Blende. Auch Gionearie gesellte sich zu uns. Sie flüsterte: »Taja hat es übel erwischt. Vermutlich innere Blutungen. Sie muss sofort evakuiert werden, sonst stirbt sie uns weg. Andrea hat eine schwere Gehirnerschütterung. Im Moment geht es noch, aber das kann sich schnell ändern.«

Sie schaute zu Bert: »Wie sieht es mit dem Gleiter aus, Bert?« Scoutschiffe dieser Klasse verfügen standardmäßig über einen Anti-Grav-Fahrzeug - für unseren Fall das ideale Transportmittel, aber ...
»Ganz toll, Doc. Das Hangartor lässt sich aber mit Notstrom nicht öffnen. Keine Chance. Habe schon alles versucht.«
Carrs stöhnte und sagte: »Benjamin. Ich würde es mit ihrem Flugzeug nicht riskieren, wenn es nicht wirklich notwendig wäre.«
»Okay, dann los.«, sagte die Jägerin und machte Anstalten, Chuck Anweisungen zu geben.
»Moment!«, sagte ich: »Das klappt nicht. Wir bekommen gerade mal eine Trage diagonal in den Laderraum gequetscht - wenn überhaupt. Und dann ist dort nur noch Platz für eine weitere Person. Aufgrund der kurzen Startbahn kann ich insgesamt nur drei Personen mitnehmen. Können wir Andrea im Sitzen transportieren?«
»Nein. Ausgeschlossen.«, sagte Carrs: »Wir verlieren nur Zeit. Wir nehmen Taja mit und hoffen, dass Andrea durchhält. Tut mir leid, Crane, aber sie müssen heute noch ein zweites mal fliegen.«
»Macht nichts.«, sagte ich cool: »Ich habe mir für heute Nachmittag nichts weiter vorgenommen.«

Wir legten Belfiger vorsichtig auf eine Trage und trugen sie durch die Schleuse nach draußen. Chuck sicherte die Umgebung während der Doc, Gionearie und ich die Trage nach unten wuchteten. Bert hielt die ganze Zeit über den Plasmabeutel.

Langsam ging es in Richtung See zum Flugzeug. Die kräftige Gionearie vorne an der Trage, Carrs und ich hinten und Bert nebenher. Chuck bildete wieder die Nachhut.

Auf dem Baumstamm wurde es noch etwas knifflig, aber zum Glück waren wir dicht genug am Ufer vertäut, dass die Jägerin die Trage problemlos durch die offen gebliebenen Ladetür durchziehen konnte. Hierfür muss sie rücklings in das Cockpit klettern. Nachdem die Trage diagonal den Laderaum füllte, quetschte ich mich ebenfalls ins Cockpit. Carrs hatte den Beutel von Bert übernommen und folgte mir. Der Scout schloss die Ladeluke.
Doc Carrs reckte ihren Kopf zu uns ins Cockpit: »Gionearie. Sie müssen bitte die Trage von hier vorne aus festhalten. Ich mache das gleiche hinten und überprüfe ihre Vitalwerte.«
Gionearie schien damit nicht ganz einverstanden zu sein. Sie griff an mir vorbei und öffnete meine Cockpittür: »CHUCK!«
Der Jäger trippelte den Baumstamm hinauf: »Japp?«
»Ich fliege jetzt mit. Du weißt, was zu tun ist?«
»Natürlich, Deb.«
»Dann ist ja gut.«, knurrte sie.

Ich reichte den Jäger mit den Worten »Nur für alle Fälle.« noch den kleinen Kurzstreckenkommunikator, den Max mir gegeben hatte. Damit schloss ich die Tür und startete die Unterwasserpropeller, um uns vom Ufer wegzuziehen. Mittlerer Weile hatte Bert die Vertäuung gelöst und es konnte endlich losgehen. Ich richtete das Flugzeug aus und startete die Motoren. Dann steuerte ich an das Ende des Sees, drehte die Maschine und gab voll Stoff. Es war eine gute Entscheidung nur drei Personen mitzunehmen. Der Wind stand ungünstig und die Startdistanz wurde größer als geschätzt und erhofft. Aber es klappte. Bald schon waren wir bei einhundert Meter und auf den Rückweg zum Stützpunkt. Ich machte mir etwas Sorgen um unsere Patientin, denn die Erschütterungen und Vibrationen waren nicht ganz ohne, aber das ließ sich leider nicht ändern.

Ich flog den gleichen Weg, den wir gekommen sind. An der Sina-Schleife war noch keine Spur der alternativen Rettungsmission zu erkennen. Zwanzig Minuten vor der Landung bekam ich Funkkontakt zur Basis und meldete die Lage. Alles wurde vorbereitet. Nach der Landung zog mich der Schlepper zügig in den Kanal und im nu lag ich wieder in meiner Servicebucht. Während mein Flugzeug betankt wurde und Scoutsanitäter die Verletzte vorsichtig ausluden und versorgten, kam mein Staffelführer an Cockpitfenster: »Hey, Ben. Geht es noch?«
»Klar. Ich wünschte nur, wir hätten größere Maschinen.«
»Ja, aber dann hättest du da sicher nicht landen können.«
»Auch wieder wahr!«, sagte ich erschöpft: »Hast du was zu trinken?« Max gab mir eine Flasche Fruchtsaft, die ich in einem Zug leerte.
»Ben.«, sagte er: »Wir haben noch etwa sechs Stunden Tageslicht. Wird knapp, sollte aber reichen. Im Westen jedoch braut sich etwas zusammen.«
»Habe es von oben schon gesehen.«, sagte ich. Es sollte gelassen klingen, tat es aber nicht. Die Wolkenberge im Westen brachten erfahrungsgemäß Regen und Wind - an sich nichts Schlimmes, nur für den Flugbetrieb unserer leichten Maschinen war es allerdings problematisch.

Bald darauf startete ich wieder - diesmal aber ohne Passagiere, damit ich bei dem Rückflug den Rest der Besatzung und des Rettungsteam mitnehmen konnte. Doktor Carrs gab mir einige Medikamente und Notfallanweisungen mit auf den Weg, falls es bei Andrea zu Komplikationen kommen sollte.

Erneut an der Absturzstelle angekommen, legte ich wieder eine nahezu perfekte Landung hin, obwohl meine Swordfish nur mit dem Gewicht von einer Person sich relativ instabil verhält. Ich kurvte mit Propellerkraft zum schilfigen Ufer, hatte aber Probleme die Anlegestelle wieder zu finden. Nach einer Weile entdeckte ich das Schiffswrack zwischen den Bäumen und den Baumstamm, konnte aber weder Bert noch den Jäger Chuck sehen. Ich rief sie über den Kurzstreckenkommunikator - aber vergebens. Niemand meldete oder zeigte sich. Selbst bei einem technischen Defekt hätten sie meinen Flieger aber schon vor einer Meile hören können.

Es half nichts. Ich fuhr an den Baumstamm und stellte den Motor aus. Danach zog ich mit einem Enterhaken die Maschine so dicht wie möglich an den Stamm heran. Keinesfalls wollte ich auch nur eine Sohlenbreite in das grün-trübe Wasser treten, dass in meiner Fantasie nur so von Blutegeln und fleischfressenden Fischen überquoll. Es reichte mir schon, dass ich die zwanzig Meter zu dem Wrack ohne Sicherung eines erfahrenen Jägers laufen musste.

Es gelang mir, das Flugzeug in unmittelbarer Nähe an diesem Baumstamm zu sichern und sprang hinüber. Nach einer kleinen Kletterpartie betrat ich wieder das sichere Ufer. Sofort viel mir auf, dass kein Laut zu hören war - ein schlechtes Zeichen, bedeutete es doch, dass die Faune schwieg, weil etwas im Busch war - buchstäblich.
Ich lud meinen Karabiner durch und schlich aufmerksam, leise und Schritt für Schritt zu dem Schiff. Das war natürlich Quatsch, denn nach dem Riesenkrach meiner Landung wusste jeder Läufer im Umkreis von fünf Meilen, dass hier etwas zu holen war. Aber es beruhigte meine Nerven.

Auf halben Weg sah ich ein paar Schritte vor mir eine Person auf dem Boden liegen. Aber es war kein Mensch, sondern ein Ibu; einer von Athana's Ureinwohnern. Ich hatte bislang noch nie einen in natura gesehen. Als Kind wurde uns gesagt, um uns von den gefährlichen, mit Läufern verseuchten Wäldern fernzuhalten: „Geh' nicht in den Wald, weil dann kommt der Ibu und frisst dich auf!“ Mir war nie klar, wieso man für diese Absicht die Iba vorgehalten hat - die Gefahr durch Läufer war schon damals viel realer. Außerdem aßen sie, soweit ich wusste, hauptsächlich Wurzeln, Früchte und Insekten.

Iba waren über zwei Meter groß und humanoid (Kopf, Arme, Beine und so) und sehr muskulös. Nur der Kopf war im Verhältnis zum Körper etwas kleiner, die Form ein wenig kantig und die Augen lagen leicht schräg und aufgequollen im Schädel. Meistens trugen sie einen knielangen Lederrock, waren aber ansonsten nackt.
Dieser hier war offensichtlich tot - das Loch in der Brust war ein eindeutiges Indiz. Sein großer schlanker Langbogen lag neben ihn und der Pfeilköcher hin immer noch über seine Schulter. Iba waren angeblich hervorragende Schützen; mussten sie wohl auch sein, wenn sie Tag für Tag im Wald mit Läufern zu tun hatten.
Wurde das Schiff von den Iba angegriffen? Ne, warum auch. Ich habe nie gehört, dass ein Mensch mal von einem Ibu angegriffen wurde - obwohl sie allen Grund hätten. Als die ersten Siedler um 600 Athana erreichten, hatten sie große Probleme mit den Läufern. Sie mussten ein hohes Lehrgeld zahlen, bis die Iba ihnen schließlich halfen, mit diesen gefährlichen Fressmaschinen klar zu kommen. Bald wurde hierbei bekannt, dass die Iba über schwache, latente Psi-Kräfte verfügten, was ihnen den Umgang mit den Siedlern erleichterte.

Viele Jahrzehnte war das kein Problem, bis 772 durch die unglücklichen Aktionen der Psi-Institute Imperiumweit das Verhältnis zur Psionik grundlegend änderte. Für Begabte waren Ausgrenzung, Vertreibung, Misshandlung und Tod die Folgen. Auch die Iba wurden Opfer dieser rücksichts- und gedankenloser Gewalt und viele der Ureinwohner Athana's mussten mit ihrem Leben bezahlen, bis sie sich schließlich wieder in die großen Wälder und Sümpfe des Planeten zurückzogen.

Es war eine sehr unangenehme Episode in der Geschichte Athana's - etwas, worüber nicht gesprochen wurde und was man gerne verdrängte. Es war niemals ganz klar, wodurch genau die Iba angeblich zur Gefahr wurden - ja, es konnte und kann bis heute niemand sagen, über welche Psi-Kräfte dieses Volk genau verfügt. Wie woanders auch, reichten ein paar skrupellose Aufrührer und die Masse der Leute folgte kritiklos ihren Rufen.
Ob dieser Ibu sich dem bewusst war, konnte ich nicht sagen. Das ganze ist bereits viele Jahrhunderte her und ich bin mir nicht sicher, ob die Iba ihre Geschichte aufzeichnen.

Einige Meter von ihm entfernt lag der Kurzstreckenkommunikator auf dem Waldboden, den ich Chuck gegeben hatte - anscheinend achtlos weggeworfen. Ich sah mich weiter um. Hier direkt am Ufer standen die Bäume weniger dicht und auch das Unterholz fiel spärlicher aus. Trotzdem konnte ich weiter nichts Ungewöhnliches wahrnehmen.

Ich ging vorsichtig zum Heck des Schiffes und erklomm die Leiter zur verschlossenen Hauptschleuse. Mit Blick in den Wald klopfte ich mit dem Karabiner an die Irisblende. Nichts geschah. Ich klopfte nochmal. Dann summte auf einmal der Außenlautsprecher und eine Stimme sagte laut: »Haut ab!«
Ich rief schnell: »Ich bin es. Crane. Was ist passiert?« - in der Hoffnung, dass der Sprecher den Kanal noch nicht geschlossen hatte. Er hatte nicht.

»Crane? Sind sie es? Sind sie weg?«
»Ja, ich bin es wirklich und ich bin alleine.«, sagte ich leicht verärgert: »Und jetzt mach' endlich die verdammte Blende auf.« Theoretisch hätte ich schon von einem Rudel Läufer umstellt sein können, ohne dass ich diese Biester hätte wahrnehmen können. Läufer sind clever und verfügen über eine gute Tarnung. Einmal in die falsche Richtung gesehen und die Waffe gesenkt und das war es dann! Jede Minute hier draußen alleine und ohne Unterstützung herumzulungern war riskant.

Die Blende öffnete sich und der Kopf von Chuck erschien im Rahmen: »Kommen sie schnell rein, Crane. Die Wilden treiben sich bestimmt noch hier herum.«
»Die Wilden?, fragte ich: »Sie meinen die Iba?«
»Ja.«, sagte Chuck etwas panisch: »Die haben uns aufgelauert. Einer hat auf mich geschossen. Da habe ich ihn eine verpasst.« Er schloss die Blende hinter mir.
»Ich habe ihn gesehen. Er ist tot. War das wirklich notwendig?« Ich konnte immer noch nicht glauben, dass der Ibu dem Jäger ans Leder wollte.
»Was hätte ich tun sollen?«, sprach er jetzt sehr schnell: »Der Kerl hat mich verfehlt und ich wollte ihm keine Chance geben, mein Hirn zu grillen!« Mit diesem Begriff umschreiben einfache Gemüter den Einsatz von Psi-Kräften.
»Was meinten sie mit 'Sind sie weg'?«
»Da kamen noch mehr Iba. Mindestens ein Dutzend. Die standen da zwischen den Bäumen herum. Ich habe noch einige Male in die Luft geschossen und bin dann schnell zurück ins Schiff.«
Irgendwie machte es keinen Sinn. Der Jäger hatte bestimmt überhastet im Affekt geschossen, aber wieso sollte der Ibu auf ihn schießen? Außerdem hätte er ihn auf diese paar Meter bestimmt nicht verfehlt.

Andrea lag noch immer da, wo wir sie zurück gelassen hatten. Bert kniete an ihrer Seite und schaute besorgt drein: »Sie hat vor einer Stunde das Bewusstsein verloren, atmet aber ruhig und gleichmäßig.«
Für diesen Fall hatte Carrs mir eine Hochdruckkanüle mit einem entsprechenden Medikament mitgegeben, um sie zu stabilisieren. Ich jagte ihr das Zeug in den Oberarm und sagte dann zu Bert: »Holen sie bitte eine Trage. Wir müssen sie schnell weg bringen.« Doktor Carrs sagte mir, Andrea hätte eine schwere Gehirnerschütterung. Wenn sie das Bewusstsein verlieren sollte, haben die Schwellungen einen kritischen Bereich erreicht und wurden lebensgefährlich.

Zu Dritt lagerten wir sie vorsichtig auf der Trage und trugen sie in die Luftschleuse.
Ich öffnete die Irisblende und spähte in den Wald hinein. Von hier oben hatte ich ein gutes Sichtfeld, konnte aber nur den toten Ibu sehen.
»Okay, los jetzt.«
Chuck kletterte zügig die Leiter hinunter und beäugte misstrauisch die Botanik - sein Spezialgewehr in Vorhalte. Ich ließ ihn ein paar Sekunden: »Chuck, die Trage!« Ich schob mit Bert's Hilfe das Ding langsam durch die Blende hinaus. Chuck stützte von unten ab. Kurz bevor das Kopfteil der Trage über den Rand der Schleuse rutschen würde, sprangen ich und Bert seitlich daran vorbei und übernahmen vom Boden aus die beiden kopfseitigen Tragegriffe.
Auf einmal waren sie da! Zwischen den Bäumen standen plötzlich wie aus dem Nichts acht oder neun Iba. Alle hielten Langbögen in den Händen und zielten auf uns. Auf dem Rücken trug jeder zwei Speere, mit gefährlich aussehenden Knochenspitzen.
Ganz langsam setzten wir die Trage ab.
»Was jetzt?«, fragte ich Chuck leise. Der Jäger schüttelte nur den Kopf.
»He, Bert.«, flüsterte ich den Scout zu: »Was macht ihr in solchen Situationen?« Als Imperialer Scout sollte er eigentlich über Erfahrungen verfügen.
»Keine Ahnung, Mann. Ich bediene nur die Geschütze und Servicegeräte an Bord. Von Erstkontaktprotokollen habe ich keinen blassen Schimmer.«
Na, toll!, dachte ich. Dann sah ich mir die Iba etwas genauer an. An ihren ausdruckslosen Gesichtern war nichts zu erkennen - noch nicht einmal Aggressivität. Sie standen nur da und zielten auf uns.
»Vielleicht sind die sauer, weil du ihren Kumpel umgenietet hast.«, mutmaßte Bert.
»Schnauze!«, meinte der Jäger: »Das ist nicht hilfreich.«
»Könnte aber etwas dran sein.«, sagte ich zu ihm: »Die meisten Iba zielen auf dich.«
Der Jäger sah sich um und ein, dass ich recht hatte. Er fing an zu schwitzen. Langsam hob er sein Gewehr.
»Hey, Mann! Lass den Scheiß. Du hast schon genug angerichtet.«, wies ihn der Scout zurecht. Schuldbewusst ließ er die Waffe wieder senken.
»Ich denke, wir sollten unsere Waffen langsam auf den Boden legen.«, sagte ich leise: »Die haben bestimmt erkannt, wie gefährlich unsere Knarren sind.«
Ganz langsam legte ich meinen Karabiner auf den Boden und zeigte den Iba meine leeren Handflächen. Chuck und der Scout machten es mir nach.

Da trat auf einmal ein weiterer Ibu zwischen den anderen hervor. Außer dass er keine Waffen trug, unterschied er sich in nichts von den anderen. Er näherte sich uns von der Seite, ohne in die Schusslinie seiner Leute zu geraten, was ein gewisses Maß an taktischem Verständnis verriet. Dann zeigte er mit dem linken Arm auf den toten Ibu und mit den Rechten auf Chuck und gab ein knurrendes Geräusch von sich, dass wie »Gnarr« klang. Als wir nicht reagierten, winkelte er den rechten Arm so ab, als ob er uns umarmen wollte: »GNARR«.
Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, noch, wie ich es dem Ibu erklären konnte. Ein Unfall? Notwehr? Ein Missverständnis? Ich wusste es ja selbst nicht so genau. Auch wenn ich die Körpersprache kaum entschlüsseln konnte, spürte ich doch ihre aufkommende Ungeduld.

»Schnell, Chuck. Was ist hier vorhin genau passiert?«
»Bert war gerade eingestiegen. Ich stand etwa dort, wo der Ibu jetzt steht. Ein Pfeil zischte vorbei und dann sah ich den Ibu mit dem Bogen in der Hand.«
»Hat er nach einem zweiten Pfeil gegriffen?«
Der Jäger dachte kurz nach: »Er stand nur da und schaute mich an.«
Ich ging langsam ein paar Schritte auf den Ibu zu, der immer noch mit abgespreizten Armen da stand. Mein Blick folgte der Richtung seines rechten Arms, der in den Wald zeigte. In etwa zehn Meter Entfernung sah ich etwas in einem Haufen Unterholz und Farn liegen. Ich ging ein paar Schritte darauf zu und hörte, dass der Ibu mir folgte. Kein Zweifel! Da lag ein Läufer! Mit seiner grau-braunen Haut kaum zu erkennen. Ein großer Läufer sogar mit einem ebenso auffallend großen Kopf und messerscharfen Zähnen. Er war tot - ein langer Pfeil steckte in seinem Hals. Das war es also!
Ich ging zurück zu den beiden anderen: »Dahinten liegt ein toter Läufer mit einem Pfeil im Hals. Ich denke, der Ibu hatte ihn erschossen, als er sich von hinten anschlich, um sie zu packen, Chuck.«
Der Jäger schluckte heftig: »Ich ... ich ... das konnte ich ja nicht ahnen ...«
Bert kam zurück auf den Punkt: »Ist ja klasse - und jetzt?«

Das wusste ich auch nicht. Wir hatten einen von ihnen erschossen; aus ihrer Sicht grundlos. Wie konnten wir diesen Primitiven erklären, dass es ein tragischer Unfall oder Missverständnis war? Und wenn die sich noch unserer gemeinsamen Geschichte bewusst waren ... dann gute Nacht. Einzig der Umstand, dass wir noch am Leben waren, stimmte mich ein wenig positiv - sie hätten uns schon längst erschießen oder auf anderer Weise ins Jenseits befördern können, wenn sie es gewollt hätten.

Plötzlich kam der waffenlose Ibu auf mich zu und blickte keine 50 Zentimeter von mir entfernt auch mich herab und schnaufte seinen heißen Atem auf mein Haupt. Ich unterdrückte den Impuls zurück zu weichen, es hätte eh nichts genützt. So starrte er mich eine Weile an. Ich sah ihn nicht direkt in die Augen und versuchte demütig zu wirken, obwohl ich gar nicht wusste, wie das ging und wie und ob er das überhaupt wahrnehmen würde.

Auf einmal trat er einen Schritt zurück und nahm unsere, auf dem Boden liegenden Waffen auf. Die Pistole und meinen Karabiner warf er mit wenig Mühe in den See. Mit Chuck's Jagtgewehr holte er aber aus, zerschlug die Waffe an einem Baum und warf die Reste in Richtung des toten Ibu's. Dann gab er den anderen Iba seiner Gruppe ein Zeichen. Vier seiner Leute ließen ihre Bögen fallen und kamen mit kräftigen Schritten auf uns zu. Der Vorderste stieß mich zur Seite. Dass ich dabei zwei Meter weit flog und auf der Nase landete, entsprang wohl nicht einer Aggressivität, sondern durch Unterschätzung seiner eigenen Kraft.

Die Iba nahmen die Trage an den vier Ecken auf und trugen sie zügig und doch sanft in Richtung See davon. Der waffenlose Ibu grunzte: »Grohnld.« und zeigte mit seinem Arm zum Flugzeug.
Ich rappelte mich auf: »Los, Leute. Ich glaube, sie lassen uns gehen.«

Das ließen sich Bert und Chuck nicht zweimal sagen und rannten hinterher, kritisch von den anderen Iba beobachtet.
Die vier Iba waren recht schnell; ich hatte Probleme, sie einzuholen. Schließlich musste ich die Ladeluke öffnen und noch andere Dinge vorbereiten. Ich balancierte den Baumstamm entlang und sprang den knappen Meter auf den Schwimmkörper. Dabei fragte ich mich, wie die vier riesigen Iba die Trage auf den schmalen Baumstamm transportieren wollten. Das klärte sich jedoch schnell von selbst - zwei der Iba sprangen ohne zu zögern ins (für sie) bauchhohe, trübe Wasser und hoben halb vom Stamm aus die Trage über die Köpfe zum Flugzeug. Derweil hatte ich die Luke geöffnet und zog Andrea (sie war immer noch bewusstlos) vorsichtig in den Laderaum. Auch Bert und Chuck sprangen bald darauf herüber. Der Scout blieb hinten bei Andrea, Chuck kletterte auf den Co-Pilotensitz. Während ich die Startprozedur durchging, blickte ich kurz aus dem Fenster. Das Schiff konnte ich noch klar erkennen, von den Iba war jedoch keine Spur zu sehen. Sie waren innerhalb weniger Sekunden mit dem Wald verschmolzen.

Ich startete die Motoren, setze das Flugzeug zurück und positionierte die Maschine für den Start.

Der nun auffrischende Wind kam glücklicherweise aus der richtigen Richtung und der Start verlief reibungslos. Nachdem ich mich bei Bert über Andrea's Zustand informiert hatte, schwiegen wir. Ich hatte genügend mit den ungünstig werdenden Wind- und Sichtverhältnissen zu tun. Der Scout und der Jäger hingen sichtbar erschöpft ihren Gedanken nach.

In meiner Servicebucht angekommen, nahm ein Sanitäterteam des IISS Bert und die arme Andrea in Empfang - gerade noch rechtzeitig, wie man mir später sagte. Auch für Kommandantin Belfiger ging die Geschichte glimpflich aus. Sie wurde gleich nach der Ablieferung operiert und befand sich bald auf den Weg der Besserung. Die Jägerin Gionearie führte Chuck wortlos vom Stützpunkt fort. Ich weiß nicht, ob er für sein Verhalten gemaßregelt wurde und was aus ihm geworden ist. Es ist aber allgemein bekannt, dass die Jägerschaft ihre Einsätze, ob nun erfolgreich oder nicht, kritisch hinterfragt und bewertet. Dass er bei dieser Aktion sein Gewehr verlor, war in Jägerkreisen ein schweres Vergehen.
Ich hingegen wurde vorzeitig zum Flying Officer befördert und bekam vom IISS die Medaille Für Verdienstvollen Einsatz für mein Engagement. Außerdem erhielt ich zwei Tage Sonderurlaub.

Das Schiff liegt meinem Wissen nach immer noch an Ort und Stelle. Es stellte sich heraus, dass eine Bergung mit örtlichen Mitteln nicht durchführbar und die Heranführung externer Ausrüstung zu teuer war und nicht unbedingt Erfolg versprach. Es wurde versucht, den Scout vor Ort notdürftig zu reparieren, jedoch war das altersschwache Schiff zu stark beschädigt, dass eine Instandsetzung zu aufwändig und letzten Endes ebenfalls zu teuer war. Also räumte man den Scout aus und ließ die fast leere Hülle zurück, die jedes Jahr immer weiter in den weichen Boden versank.

Jahrelang musste ich noch über diese Ereignisse nachdenken. Später erfuhr ich, dass die Iba sehr wohl ihre Geschichte mündlich überlieferten. Insofern stand damals alles auf Messer's Schneide und ich weiß bis heute nicht, warum sie uns verschont, ja sogar geholfen haben, anstatt uns umzubringen. Ich hatte bei unserer Begegnung nichts ungewöhnliches bemerkt, kam aber immer wieder zu dem Schluss, dass dort ihre ominösen Psi-Kräfte auf irgendeiner Weise zur Wirkung kamen. Das war aber nur die halbe Wahrheit. Erst viele Jahre später und viele Lichtjahre entfernt, erkannte ich die Hintergründe.

***

counter2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Jens Richter am 21.03.2025:
Kommentar gern gelesen.
Hallo CaptainX, eine ziemlich lange Geschichte für den Einstieg.
Trotzdem gut geschrieben und den Spannungsbogen bis zum Ende aufrechterhalten.
Sehr gern gelesen...
Ich hoffe Du gibst Ben noch die Möglichkeit die Hintergründe zu erzählen.
Viele Grüße von Jens

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