Veröffentlicht: 15.02.2025. Rubrik: Menschliches
DIE ZWEI VON DER TANKSTELLE
Die Tankleuchte blinkt schneller, gefühlt auch immer heller. Die prickelnde Ungewissheit breitet sich aus, wie lange das Auto noch fährt, oder wann die nächste Tankstelle kommt. Vor mir quälen sich zwei weitere Autos durchs Tal, das immer mehr von der Dunkelheit der nahenden Nacht geschluckt wird. Durch den Vorhang aus peitschendem Regen erahne ich ein flackerndes Tankstellenschild, wie ein Leuchtturm, in dem stürmischen Herbstwetter. Vor meiner Stoßstange kriecht ein Geländewagen über den Asphalt, ausgebremst durch einen noch langsameren Smart. Die Geschwindigkeit der Regentropfen ist höher, als unsere, wenn wir die von den drei Fahrzeugen addierten. Ich fasse den Entschluss, schnell zu überholen, blinke links und gebe Gas. Noch in der Nanosekunde breche ich das Vorhaben ab. Beide blinken, um zu den Zapfsäulen zu fahren, an der Tankstelle zu unserer Linken. Ich schließe mich an.
An einem Zapfhahn hängt ein handgeschriebener Zettel, der jede Illusion weiterer Mobilität raubt: "Defekt!". Gibt ja zum Glück noch zwei andere Möglichkeiten, um Sprit in den Tank zu bekommen. Der Smart parkt an einer Säule; ich hinter dem Geländewagen, an zweiter Stelle, an der anderen. Die Fahrertür fliegt auf, und ein, rundlich gemütlicher Mann springt heraus. Eine Mischung aus Dirk Bach, was Statur und Größe angeht; mit dem Habitus eines Jack Sparrow. T-Shirt, auf dem Kopf eine Dockermütze, am Ohr ein schwerer, baumelnder Goldohrring. Er wieselt an die Zapfsäule, starrt aufs Display, blickt dann hoch zur fahlen Preisanzeige, reißt flehend beide Arme in die Höhe und schüttelt den Kopf. Ich erahne, dass seine Lippen ein „Neiiin!“ formen könnten. Die Szenerie hat etwas sakrosanktes. Er blickt leicht verzweifelt in meine Richtung. Ich öffne meine Tür und rufe „Säule kaputt oder Preise zu hoch!?“ – er lacht. „Auch defekt, wie die andere, glaube ich!“. Er will das Auto umsetzen. Er startet den Motor, ich auch; lege den Gang ein. Da öffnet sich seine Tür wieder. Er streckt den Kopf raus und zeigt im Auto in Richtung Zapfsäule. Ich verstehe nicht, was er mir zurufen will. Der stämmige Jack Sparrow kommt an meine Tür, „Die Säule geht doch! – Ich glaube ich spinne.“ Er zwängt sich zwischen Säule und sein schweres Straßenschiff, greift nach dem Zapfhahn. Ich schaue kurz aufs Handy, beim zweiten Blick sehe ich Dirk Bach, wie er auf seinen Tankdeckel trommelt, wie auf die Tasten eines Klaviers. Dann dreht er sich, zweimal stampfend, um die eigene Achse, die Arme in den Himmel gerissen. Nacht beginnt uns zu umhüllen, auf unserer spritlosen, neonbeschienenen Insel. „Ich pack es nicht, der Tank geht nicht auf!“, in die Verzweiflung mischen sich Müdigkeit und eine Böe Ärger, noch lacht er, gequält. Nach zweimal Aus- und wieder Einsteigen, nach vergeblichen Beschwörung des Tankdeckels, winkt er zum Abschied. Die Schlacht hat er verloren, sein Tank ist nicht voller. Auf der Weiterfahrt sehe ich die Silhouette seines Autos wieder. Der Kapitän hat geankert, auf dem Parkplatz eines Irish Pub. Regen umschließt mich, während ich meine Fahrt durchs Dunkel fortsetze.
ENDE
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