Veröffentlicht: 12.05.2024. Rubrik: Märchenhaftes
Das Fest vom Werden und Vergehen
Das Glucksen und Plätschern des nahen Baches durchbrechen die Stille des Waldes und ein Uhu ruft in die völlige Dunkelheit sein Lied. Gevatter Wind kommt auf und gibt den dichten Wolken einen stups, damit sie sich von dannen machen. Nur widerwillig lassen sie sich zur Seite schieben, denn auch sie möchten dem nahenden Spektakel beiwohnen.
Das silbrige Licht des Mondes erhellt die Lichtung und zartes Grün lässt sich nun erahnen. Aus dem Dickicht der Bäume schwebt träumerisch der Dunstschleier der Waldgöttin herbei, die des Nachts nach dem rechten in ihrem Reich schaut.
Die Tiere des Waldes versammeln sich am Rande der Lichtung und verhalten sich mucksmäuschenstill. Nur hier und da leuchtet kurz ein Augenpaar auf, wenn der Schein des Mondes auf seine Netzhaut trifft. Gespannt warten alle auf den großen Augenblick, bis die Spannung zu zerreißen droht.
Ein junger Wolf heult in der Ferne und der Mond gebietet ihm Einhalt, sich ruhig zu verhalten. Als das Echo des Wolfgeheuls endlich verhallt, leuchtet plötzlich ein einsames kleines goldenes Licht auf der großen Lichtung, dann zwei, dann drei und Rufe des Staunens erklingen ehrfürchtig aus dem Dickicht.
Wie von Zauberhand erwacht die Wiese zum Leben und Myriaden von kleinen Glühwürmchen tanzen im goldenen Licht ihrer Leuchtkörper. Der Bach reflektiert das Licht und zieht wie ein Strom von sonnendurchtränktem Honig in die Tiefe des Waldes, um sich dort zu verlieren.
Die Tiere nehmen sich ehrfürchtig bei den Pfoten und in dieser Nacht feiern sie gemeinsam das Fest vom Werden und Vergehen, bis die Sonne am Horizont erscheint und auf der grünen Wiese das Licht ausgeht.