Veröffentlicht: 18.02.2025. Rubrik: Unsortiert
Die Schatten des ersten Semesters
Emma saß in der letzten Reihe des überfüllten Hörsaals, den Blick leer auf die Notizen vor ihr gerichtet. Die Worte des Professors rauschten an ihr vorbei, bedeutungslos wie der Regen, der gegen die hohen Fenster prasselte. Ihr Kopf war schwer, ihre Gedanken zäh wie Nebel.
Gestern hatte sie ihre Klausur zurückbekommen – ein einziges rotes Meer aus Anmerkungen, durchgestrichenen Sätzen und diesem einen Wort am Rand: ungenügend. Professor Krüger hatte es nicht einmal für nötig gehalten, eine aufmunternde Randbemerkung zu hinterlassen. Kein „Überarbeiten Sie Ihre Argumentation“ oder „Mehr Struktur nötig“. Nur diese eine Bewertung. Hart. Absolut.
Als wäre das nicht genug, hatte Paul, der hübsche, kluge Paul aus ihrem Tutorium, ihr am selben Tag mit einem bedauernden Lächeln gesagt, dass er kein Interesse habe. Er habe jemand anderen kennengelernt. Emma hatte es gefasst hingenommen, genickt, gelächelt. Später in ihrem winzigen Wohnheimzimmer hatte sie ihr Handy genommen, sein Chatfenster geöffnet und wieder geschlossen, ohne etwas zu schreiben.
Nun saß sie hier, gefangen zwischen der monotonen Stimme des Professors und der erdrückenden Gewissheit, dass sie nicht gut genug war. Nicht für Paul, nicht für das Studium, vielleicht nicht einmal für diesen Ort. Die anderen schienen es leichter zu haben. Sie lachten in der Mensa, diskutierten eifrig in den Seminaren, während sie sich immer mehr in sich selbst zurückzog.
Draußen wurde es langsam dunkel. Der Hörsaal entleerte sich. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass die Vorlesung zu Ende war. Langsam stand sie auf, sammelte ihre Sachen ein und verließ das Gebäude. Die Kälte der Novembernacht biss ihr ins Gesicht, während sie ziellos über den Campus lief.
Emma hatte sich das alles anders vorgestellt. Sie hatte gedacht, dass das Studium eine Zeit der Freiheit und Selbstverwirklichung werden würde. Stattdessen fühlte sie sich kleiner als je zuvor.
Ihr Blick fiel auf die Bibliothek, deren Fenster im Licht der Straßenlaternen schimmerten. Ein Zufluchtsort, zumindest für eine Weile. Sie zog den Mantel enger um sich, atmete tief durch und trat ein.
Vielleicht, dachte sie, würde sie morgen neu beginnen. Vielleicht.

